
Die Stille, die von Washington ausging, war lauter als jeder laute Sprechchor. Während sich die Märkte in Asien noch mit der Liquidität der PBOC beschäftigten, blickten die globalen Investoren gebannt auf die US-Notenbank. Die Entscheidung, die Leitzinsen im Zielkorridor von 3,5 % bis 3,75 % zu halten, war keine Überraschung, doch die Begründung dahinter erzählte eine Geschichte von schmerzhafter Abwägung. Rafael Senn setzt sich mit dem Unternehmer zusammen, um die Implikationen dieser Pause zu verstehen, die weit über die USA hinausreicht.
Senn: Herr Müller, die Fed hält die Kurse stabil. Das wirkt auf den ersten Blick wie ein Zeichen der Stärke, oder?
Gast: Es wirkt wie die Ruhe vor dem Sturm, Herr Senn. Oder besser gesagt, die Stille eines Schiedsrichters, der gerade einen komplexen Fall prüft. Die Fed lässt die Zinsen unverändert, weil sie sich in einem Dilemma befindet. Auf der einen Seite steht die Widerstandsfähigkeit des US-Arbeitsmarktes. Die Arbeitslosenquote bleibt niedrig, die Löhne steigen weiter. Das gibt den Ökonomen in Washington ein gewisses Selbstvertrauen. Doch auf der anderen Seite liegt die Gefahr der Energiepreise.
Senn: Und diese Energiepreise kommen vor allem aus dem Nahen Osten?
Gast: Genau. Ein länger anhaltender Konflikt dort führt wahrscheinlich zu anhaltend hohen Energiekosten. Und diese höheren Eingangspreise schlagen sich sehr wahrscheinlich auf die Kerninflation durch. Die Fed muss also genau abwägen: Wenn sie die Zinsen jetzt senkt, riskiert sie, die Inflation wieder aufzuheizen. Wenn sie sie erhöht, erstickt sie vielleicht den letzten Funken wirtschaftlicher Erholung. Sie hat sich für das Warten entschieden.
Senn: Ist das Warten nicht eigentlich immer die sicherste Option?
Gast: Sicher ist es nicht. Warten ist eine aktive Entscheidung. Es bedeutet, die wirtschaftlichen Folgen eines potenziellen Anstiegs der Energiepreise gegen die aktuelle Stärke des Arbeitsmarktes zu wägen. Und dabei zeigt sich ein interessantes Paradoxon. Gerade weil die Fed die Zinsen unverändert lässt, profitieren die Sparer.
Senn: Das hört sich kontraintuitiv an. Meinten Sie nicht, hohe...
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