Talente vs. Kapital

Senn: Guten Tag, Herr Müller. Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen. Wir schauen uns gerade die neuesten Zahlen an, und die sind, sagen wir mal, überraschend. Laut dem Stanford AI Index 2026 führt die Schweiz bei den KI-Fachkräften. Wir haben also das Gehirn. Doch parallel dazu liest man in der Netzwoche, dass die Privatwirtschaft seit 2013 nur 4,73 Milliarden US-Dollar in KI investiert hat. Das ist ein eklatanter Widerspruch. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?

Gast: Es ist weniger ein Widerspruch als vielmehr eine strukturelle Fehlsteuerung. Wer sich in Zürcher Büros umhört, merkt schnell: Hier arbeiten die besten Köpfe Europas. Aber die Banken und der traditionelle Mittelstand schauen noch immer skeptisch auf riskante Technologie-Wetten. Die 4,73 Milliarden Dollar, die laut Netzwoche seit 2013 geflossen sind, klingen erst mal viel. Vergleicht man sie jedoch mit dem Vereinigten Königreich, das in derselben Zeit ein Vielfaches investiert hat, wird die relative Stagnation deutlich. Wir haben Talente, ja. Aber wir fehlen das risikofreudige Kapital, um sie global skalierbar zu machen.

Senn: 4,73 Milliarden Dollar. Das ist keine lächerliche Summe. Trotzdem landet die Schweiz in dieser Statistik auf Platz 14. Ist das nicht immer noch eine solide Position?

Gast: Solide? Nein. Platz 14 bedeutet, dass man den Anschluss verloren hat, ohne es zu merken. Die Schweiz führt bei den Spezialisten. Das ist unser Kapital. Aber Kapital allein macht noch keinen Markt. Wenn ich sehe, wie Länder wie die USA oder sogar China ihre Ressourcen bündeln, um die nächste Generation der KI zu definieren, während wir hierzulande noch über die Finanzierung einzelner Pilotprojekte diskutieren, wird die Gefahr deutlich. Es geht nicht nur um Geld. Es geht um Geschwindigkeit. Und da liegen wir hinterher.

Senn: Sie erwähnten die Banken. Ist das das Hauptproblem? Dass das Schweizer Finanzsystem zu konservativ ist?

Gast: Es ist ein Teil davon. Das Schweizer Bankensystem ist darauf ausgelegt, Risiken zu minimieren,...