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Geopolitische Zäsur

Senn: Herr Li, lassen Sie uns direkt in den Kern des Themas eintauchen. Die Meldungen der vergangenen Tage waren nicht subtil. Die chinesische National Development and Reform Commission (NDRC) hat Top-Technologieunternehmen und KI-Pioniere angewiesen, US-Investitionen in kommenden Finanzierungsrunden abzulehnen, es sei denn, sie sind explizit von Peking autorisiert. Wie bewerten Sie diese Weisung aus der Perspektive eines Unternehmers, der global aufgestellt ist?

Gast: Es ist weniger eine politische Floskel als eine operative Realität. Wir spüren die Kälte dieses Befehls im operativen Alltag. Vor zwei Jahren hätten wir US-Kapital als reinen Treibstoff für Wachstum betrachtet. Heute ist es ein geopolitisches Minenfeld. Die Anweisung der NDRC ist eindeutig und lässt wenig Raum für Interpretation. Wenn Sie als KI-Startup in Shenzhen oder Shanghai sitzen, müssen Sie sich fragen, ob das Geld aus Silicon Valley noch neutral ist. Es ist es nicht mehr. Die Grenze zwischen wirtschaftlicher Logik und nationaler Sicherheit ist in China verschwunden.

Senn: Aber ist das nicht eine einseitige Zäsur? Die USA haben doch auch ihre eigenen Exportkontrollen verschärft, insbesondere bei High-End-Chips.

Gast: Ja, natürlich. Das ist der andere Arm der Schere. Aber hier geht es um die Finanzierung, also um das Blut, das in den Adern der Innovation fließt. Die NDRC-Verfügung zielt darauf ab, die Abhängigkeit von westlichem Kapital zu brechen, bevor diese Abhängigkeit zur Erpressungsmittelpunkt wird. Wer sich in Zuercher Büros umhört, hört oft von der Angst vor regulatorischen Sanktionen. In China ist die Angst vor dem Ausschluss vom Markt viel unmittelbarer. Ein Unternehmen, das US-Geld annimmt, ohne die nötige Genehmigung, riskiert nicht nur Strafen. Es riskiert seine Existenz.

Senn: Sie erwähnten die Genehmigungspflicht. Wie funktioniert das in der Praxis? Ist es ein offizielles Verfahren, das man beantragen kann?

Gast: Es gibt kein öffentliches Portal, auf dem man ein Formular ausfüllt. Es ist ein informeller, aber zwingender Prozess der politischen Loyalitätsprüfung. Man muss sich an die zuständigen lokalen Behörden wenden, die dann wiederum die Zentrale in Peking konsultieren. Das kann Monate dauern. In der Zwischenzeit friert die Finanzierung ein. Wir haben beobachtet, dass viele chinesische Venture-Capital-Fonds, die früher offen für US-Limits waren, jetzt strikt domestiziert agieren. Sie suchen gezielt in Hongkong oder im Nahen Osten nach Kapital, um die amerikanische Jurisdiktion zu umgehen.

Senn: Und was bedeutet das für europäische Investoren wie uns? Fühlen wir uns in der Mitte zerrieben?

Gast: Das ist die tragische Realität. Europa steht zwischen den Fronten. Einerseits wollen wir die technologische Souveränität fördern. Andererseits sind wir an die gleichen demokratischen Werte und Transparenzstandards gebunden, die uns von chinesischen Staatsfonds fernhalten. Die NDRC-Weisung zwingt chinesische Partner dazu, uns zu ignorieren, selbst wenn sie wollen. Es ist eine erzwungene Entkopplung. Ich habe Gespräche mit CFOs in Berlin geführt, die berichten, dass chinesische Partner plötzlich die Kommunikation einfrieren, sobald das Thema Equity-Structure aufkommt. Es ist ein kalter Krieg der Bilanzen.

Senn: Gibt es Ausnahmen? Oder ist die Blockade absolut?

Gast: Absolute Ausnahmen gibt es kaum, aber es gibt Grauzonen. Wenn die Technologie als “grundlegend” und nicht als “kritisch” eingestuft wird, kann es Spielraum geben. Aber KI ist per Definition kritisch. Die Definition von “kritischer Technologie” wird in China weit gefasst. Es geht nicht nur um Militär. Es geht um Datenhoheit, um algorithmische Kontrolle. Wer glaubt, seine KI-Anwendung sei harmlos, irrt sich. Peking sieht jede KI, die mit chinesischen Daten trainiert wird, als Teil der nationalen Infrastruktur. Und Infrastruktur wird nicht mit fremdem Geld gebaut.

Senn: Wie wirkt sich das auf die Bewertung von KI-Startups in China aus? Sinken die Preise, weil das Kapital knapp wird?

Gast: Kurzfristig ja, aber langfristig sieht es anders aus. Die Bewertungen haben sich korrigiert. Was früher als “Hype” galt, ist jetzt “Realität”. Aber das bedeutet nicht, dass das Geld weg ist. Es hat nur den Besitzer gewechselt. Staatliche Fonds, lokale Regierungsinitiativen und heimische Private-Equity-Häuser füllen die Lücke. Das Kapital ist in China immer noch reichlich vorhanden. Es ist nur nicht mehr global. Es ist lokalisiert. Und lokalisiertes Kapital hat andere Erwartungen. Es erwartet keine Exit-Strategie in drei Jahren an der NASDAQ. Es erwartet Loyalität und langfristige Integration in die nationale Strategie.

Senn: Das klingt nach einer Rückkehr zum staatlich gelenkten Modell. Aber China hat doch in den letzten Jahren die Marktökonomie betont.

Gast: Die Betonung war strategisch. Jetzt, wo die geopolitischen Spannungen eskalieren, wird die Ideologie der Marktöffnung zurückgefahren. Es ist kein Rückfall. Es ist eine Anpassung. Die NDRC weiß, dass US-Technologieunternehmen versuchen, durch Investitionen in chinesische Startups Einfluss auf die Entwicklung zu nehmen. Indem sie die Finanzierungskanäle abdichten, schützen sie die Souveränität. Es ist eine defensive Maßnahme. Und sie ist wirksam.

Senn: Fühlen sich chinesische Unternehmer bedrängt?

Gast: Einige fühlen sich befreit. Andere fühlen sich isoliert. Die Generation der Gründer, die in den USA studiert hat, vermisst den globalen Austausch. Aber die neue Generation ist pragmatisch. Sie hat gelernt, dass die Welt gespalten ist. Sie baut Netzwerke auf, die nicht auf Washington basieren. Das ist ein kultureller Wandel.

Senn: Und wie sieht es mit der Compliance aus? Für europäische Investoren ist es doch oft unmöglich, zu prüfen, ob ein chinesischer Partner US-Geld angenommen hat.

Gast: Das ist das Problem. Die Transparenz ist verloren. Sie können nicht einfach auf die Bilanzen schauen. Sie müssen auf die politischen Signale hören. Wenn ein chinesischer Partner plötzlich die Kommunikation meidet, wenn er bei Konferenzen verschwindet, ist das ein Warnsignal. Die NDRC-Weisung ist nicht nur ein Papier. Es ist ein Klima. Und in diesem Klima ist jeder Verdacht von US-Beteiligung ein K.O.-Kriterium.

Senn: Gibt es Fälle, in denen US-Investitionen doch noch durchkommen?

Gast: Ja, aber nur in sehr spezifischen Konstellationen. Vielleicht in Joint Ventures, die explizit von der staatlichen Planungskommission genehmigt wurden. Oder in Bereichen, die als “nicht sensibel” gelten. Aber KI? Nein. KI ist das Herzstück. Und das Herzstück wird nicht verkauft.

Senn: Was bedeutet das für die Zukunft der globalen KI-Innovation?

Gast: Es bedeutet das Ende der globalen KI-Ökonomie, wie wir sie kannten. Wir werden zwei parallele Ökosysteme sehen. Eines, das auf US-Technologie und -Kapital basiert. Und eines, das auf chinesischer Technologie und -Kapital basiert. Sie werden sich kaum noch berühren. Das ist eine schmerzhafte Entwicklung. Aber es ist eine unvermeidliche.

Senn: Sind Sie optimistisch, dass sich das jemals wieder normalisieren wird?

Gast: Ich bin realistisch. Normalisierung bedeutet nicht Rückkehr zum Status Quo. Sie bedeutet eine neue Art des Umgangs. Vielleicht werden wir lernen, mit dieser Trennung zu leben. Vielleicht werden wir neue Wege der Kooperation finden, die nicht auf Geld, sondern auf Wissen basieren. Aber das wird Jahre dauern. Und in der Zwischenzeit müssen wir als Investoren und Unternehmer vorsichtig sein.

Senn: Ein letzter Gedanke für unsere Leser in der Schweiz.

Gast: Passen Sie Ihre Risiken an. Verlassen Sie sich nicht auf alte Annahmen. Die Welt hat sich verändert. Die NDRC-Weisung ist nur ein Symptom. Die Ursache ist tiefer. Und sie wird uns alle betreffen.

Kapitalmarkt-Verschiebungen

Senn: Herr Müller, wir haben gerade die geopolitischen Mauern besprochen, die China errichtet hat. Doch schauen wir kurz über den Tellerrand hinaus. Die US-amerikanischen Zinsen liegen derzeit im Bereich von 3,5% bis 3,75%. Ist das nicht ein relativ moderater Wert, der eigentlich stabiles Wachstum begünstigen sollte? Warum wirkt die Situation so angespannt, wenn man die aktuellen Fed-Entscheidungen betrachtet?

Gast: Das ist genau der Punkt, der viele Analysten verwirrt, weil die Oberflächen-Daten trügerisch sein können. Ja, die Federal Reserve hat den Leitzins in diesem Zielkorridor stabilisiert, was laut CNBC dazu geführt hat, dass die Renditen für Spareinlagen wieder über der Inflationsrate liegen. Das ist für Sparer eine seltene Win-Win-Situation. Doch parallel dazu klagen US-Senatoren vehement über den Diebstahl geistigen Eigentums durch chinesische Akteure. Es entsteht hier ein paradoxes Spannungsfeld. Einerseits hält die Fed die Zinsen stabil, um Blasen an den Asset-Märkten im Zaum zu halten, andererseits zerfällt das Vertrauen in die technologische Überlegenheit der USA als einziges Fundament für zukünftige Gewinne.

Senn: Aber bedeutet eine stabile Zinspolitik nicht gerade, dass das Umfeld für Risikokapital günstiger wird? Normalerweise fließt Geld dorthin, wo die Finanzierungskosten kontrollierbar sind. Warum ziehen sich Investoren dann gerade jetzt aus China zurück, wenn das Geld doch quasi auf der Bank liegt?

Gast: Weil die Natur des Risikos sich geändert hat. Es ist nicht mehr das reine Marktrisiko, das man durch Diversifikation wegdiversifizieren kann. Es ist ein regulatorisches Veto. Wie TechStory vor Kurzem berichtete, haben die chinesischen Behörden, konkret die NDRC, privaten Technologieunternehmen und KI-Pionieren angewiesen, US-Investments in kommenden Finanzierungsrunden abzulehnen, es sei denn, sie erhalten eine explizite Genehmigung aus Peking. Das ist keine Marktreaktion auf die Zinsen. Das ist eine staatliche Anweisung, die jeden vernünftigen CFO dazu zwingt, die Finger von US-Kapital zu lassen, selbst wenn die Zinsen noch so niedrig wären.

Senn: Das klingt nach einer absoluten Trennung der Märkte. Aber wie wirkt sich das auf die Bewertung von KI-Startups aus, die noch in der Aufbauphase sind? Wenn US-Geld nicht mehr fließt, wer springt dann ein? Und was bedeutet das für die globale Liquidität, die Sie ja auch in Ihrer Portfoliostrategie berücksichtigen?

Gast: Genau hier liegt die eigentliche Verschiebung. Die US-Investoren waren lange Zeit der primäre Treiber für die Bewertungen in der chinesischen Tech-Szene. Ohne dieses Kapital müssen sich die lokalen Firmen auf heimische Geldgeber stützen. Das Problem ist nur, dass die chinesischen Banken und staatlichen Fonds extrem vorsichtig sind, wenn es um IP-Übertragungsrisiken geht. Wer sich in Zurcher Bueros umhort, hoert, dass viele europaeische Familienbueros die Arme verschränken. Sie wollen nicht im Fadenkreuz der US-China-Spannungen landen. Die Liquidität bleibt also nicht einfach im System, sie zieht sich zurück.

Senn: Sie sprechen von einer Kapitalflucht. Aber ist das nicht etwas zu stark formuliert? Die USA sind nach wie vor das wirtschaftlich stärkste Land. Sollte nicht das US-Kapital einfach woanders hingehen, etwa nach Europa oder in andere Schwellenmaerkte? Oder blockiert die US-Regierung das vielleicht sogar aktiv?

Gast: Es ist weniger eine aktive Blockade durch die USA, sondern eher eine passive Verweigerungshaltung Chinas. Die NDRC-Anweisung ist ein Schutzschild. Gleichzeitig beobachten wir in Washington, wie die Politik reagiert. Wenn die Fed die Zinsen stabilisiert, um Inflation zu bekämpfen, dann wirkt das indirekt auch auf die Währungskurse. Ein starker Dollar macht chinesische Exporte teurer, was Peking unter Druck setzt. In der Folge wird die chinesische Regierung noch restriktiver mit ausländischem Kapital umgehen, um die Kontrolle zu behalten. Es ist ein Teufelskreis.

Senn: Interessant. Und wie bewerten Sie das jetzt für unsere Schweizer Mandanten? Wir haben ja einen hohen Anteil an globalen Anleihen und Aktien. Wenn die Zinsen in den USA bei 3,5% bis 3,75% bleiben, was bedeutet das für die Attraktivität von chinesischen Staatsanleihen oder Unternehmensanleihen im Vergleich zu US-Treasuries?

Gast: Die Rendite-Differenz wird sich angleichen, aber das Risiko bleibt unverändert hoch. Laut den aktuellen Daten der Federal Reserve Bank of St. Louis sind die Zinsen zwar stabil, doch die implizite Volatilität in den CME FedWatch-Tools zeigt, dass der Markt Unsicherheit spürt. Für Schweizer Investoren bedeutet das: Die sichere Rendite in den USA ist gut, aber sie bietet keinen Schutz vor geopolitischen Schocks. Wenn wir in China investieren wollen, dann nur mit lokalen Währungen und ohne US-Kapital-Hintergrund. Das schraenkt die Auswahlmoeglichkeit drastisch ein.

Senn: Das klingt nach einer sehr engen Korridor-Fuehrung. Aber gibt es nicht auch Gegenstimmen? Ich habe gelesen, dass einige Wall-Street-Analysten behaupten, die chinesische KI-Industrie sei zu groß, um sie komplett auszuschließen. Sollte man nicht trotzdem versuchen, Lücken im Markt zu finden?

Gast: Das ist der klassische Fall von Gier, die Klugheit übertrumpft. Die Analysten haben recht, dass der Markt riesig ist. Doch die Praxis ist brutal. Sobald man sich naehert, wird man kontrolliert. Die Erfahrung der letzten zwei Jahre zeigt, dass selbst indirekte Beteiligungen über Offshore-Strukturen heute sorgfältigst geprüft werden. Man kann nicht einfach um die NDRC-Regelung herumtricksen. Es geht nicht um Effizienz. Es geht um Souveränität. Und in Zeiten von 3,5% bis 3,75% Zinsen in den USA haben Unternehmen genug Kapital, um nicht auf ausländisches Risiko-Kapital angewiesen zu sein.

Senn: Wenn Sie so reden, dann ist die Trennung der Systeme fast schon vollständig. Aber was bedeutet das für die Bewertung von KI-Unternehmen in China? Sind ihre Aktien jetzt unterbewertet, weil das US-Wachstum fehlt, oder sind sie einfach nur isoliert?

Gast: Isoliert ist das richtige Wort. Bewertungskennzahlen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis sehen oft attraktiv aus, weil die Gewinne lokal wachsen. Doch die Diskontierungsfaktoren haben sich verschoben. Wer das Risiko der IP-Sperre einkalkuliert, muss einen viel höheren Risikoaufschlag verlangen. Das drückt den Kurs, egal wie gut die Technologie ist. Es ist ein klassisches Paradoxon: Gute Technologie, schlechtes Risikoprofil durch politische Willkür.

Senn: Und wie sieht das in der EU aus? Wir haben ja den Digital Markets Act und strenge Datenschutzregeln. Fühlt sich Europa hier vielleicht als neutrale Zone an, wo man noch investieren kann, ohne sich zwischen Washington und Peking entscheiden zu müssen?

Gast: Europa ist kein neutrale Zone, sondern ein Puffer. Die EU-Regulierung ist streng, aber transparent. Das ist besser als die willkuerliche Anwendung von Gesetzen in China oder die politischen Schwankungen in den USA. Allerdings ziehen auch europaeische Investoren vorsichtig. Man sieht, wie die Zinsen in der Eurozone sich an die Fed anpassen. Wenn die US-Zinsen stabil bleiben, bleibt auch der Euro stabil. Das gibt uns etwas mehr Raum, aber das Kernproblem der chinesischen KI-Finanzierung bleibt bestehen. Es ist keine europaeische Frage, sondern eine globale Umstrukturierung.

Senn: Lassen Sie uns das konkretisieren. Sie haben die 3,5% bis 3,75% erwähnt. Wenn die Fed bei dieser Bandbreite bleibt, wie lange kann das noch gehen, bevor es zu Problemen mit der Inflation kommt? Und wie hängt das mit den Klagen der US-Senatoren zusammen?

Gast: Die Fed hält die Zinsen stabil, weil sie die Inflation im Griff glaubt zu haben, wie CNBC berichtet. Doch die Senatoren klagen über IP-Diebstahl, weil sie sehen, dass die USA ihre technologische Vormachtstellung verlieren. Es ist ein Kampf um die Kontrolle über die Zukunft. Solange die Fed die Zinsen nicht senkt, um die Wirtschaft anzukurbeln, bleibt der Druck auf die Unternehmen hoch. Und in China wird das als Zeichen der Schwäche interpretiert. Sie denken, die USA sind gestresst, also können sie sich weniger in China einmischen. Das ist eine fatale Fehleinschaetzung.

Senn: Das ist ein harter Vorwurf an die US-Strategie. Aber ist es nicht auch ein Fehler der chinesischen Führung, sich komplett abzukoppeln? Oder ist das genau das Ziel: eine autarke KI-Ökonomie zu schaffen?

Gast: Es ist beides. China will Autarkie. Die USA wollen Dominanz. Und in der Mitte bleibt das globale Kapital verwirrt. Die Zinsen von 3,5% bis 3,75% sind nur ein Symptom. Sie zeigen, dass die USA versuchen, ihre Wirtschaft abzukühlen, um die Inflation zu bekämpfen, ohne die Blase platzen zu lassen. Gleichzeitig schotten sie sich technologisch ab. Für uns Schweizer bedeutet das: Wir müssen unsere Portfolios neu gewichten. Weg von der Abhängigkeit von US-Chip-Kapital in China. Hin zu diversifizierten, lokalen Lösungen.

Senn: Wie konkret sieht das in Ihrer aktuellen Anlagestrategie aus? Haben Sie bereits Positionen in chinesischen KI-Firmen verkauft oder sind Sie noch drin?

Gast: Wir haben die Positionen reduziert, aber nicht komplett geschlossen. Man kann nicht einfach bei Null anfangen. Aber wir investieren jetzt nur noch über lokale Vehikel, die keine US-Interessen berühren. Das ist mühsam und weniger effizient. Doch die Sicherheit wiegt schwerer. Die Erfahrung zeigt, dass man bei geopolitischen Bruchlinien nicht wetten sollte. Man sollte sich davon fernhalten.

Senn: Ein letzter Gedanke zum Abschluss dieser Sektion. Wenn die Fed die Zinsen in den kommenden Monaten senken sollte, würde das dann die Situation in China entspannen? Oder ist die Kluft schon so tief, dass geldpolitische Maßnahmen keine Rolle mehr spielen?

Gast: Geldpolitik spielt keine Rolle mehr, wenn die politische Willkür die Grundlage der Investition untergräbt. Selbst bei null Prozent Zinsen würden chinesische Unternehmen kein US-Geld annehmen wollen, wenn die NDRC es verbietet. Es ist eine mentale und regulatorische Barriere, die keine Zinsänderung der Fed je überwinden wird. Die Kapitalmarkt-Verschiebung ist irreversible. Wir leben in einer neuen Ära.

Globale KI-Strategie

Senn: Herr Müller, wir sprechen hier von einer fundamentalen Abkehr. China weist US-Investoren explizit aus. Wie bewerten Sie diese Entscheidung strategisch? Ist das nur politisches Geschrei oder ein echter Machtwechsel?

Gast: Es ist beides, aber die wirtschaftliche Logik ist unübersehbar. Laut TechStory hat die NDRC privaten Technologieunternehmen und KI-Pionieren aufgetragen, US-Kapital in kommenden Funding-Runden abzulehnen, sofern keine explizite Genehmigung aus Peking vorliegt. Das ist keine launische Entscheidung. Es geht um Souveränität.

Senn: Souveränität in einem Bereich, der bisher von amerikanischen Halbleitern und Software dominiert wurde. Bedeutet das, dass China sich jetzt komplett abschottet?

Gast: Nein, genau das Gegenteil. Sie schließen die Tür zu Washington, um die Fenster zu Peking, Tokio und Dubai zu öffnen. Die USA konfrontieren China mit mangelnder Infrastruktur, um ihre eigenen Innovationen zu schützen. Gleichzeitig entsteht so ein Vakuum, das andere Kapitalgeber füllen müssen.

Senn: Und dieses Vakuum füllen gerade europäische und schweizerische Investoren. Stimmt das mit Ihren Zahlen überein?

Gast: Definitiv. Wer sich in Zürcher Büros umhört, merkt, dass die Angst vor geopolitischen Risiken wächst. Die USA haben durch ihre Exportkontrollen die Vertrauensbasis zerstört. China reagiert, indem es US-Geld als Sicherheitsrisiko markiert.

Senn: Ein paradoxer Effekt. Der Versuch der USA, China zu schwächen, beschleunigt die Abkopplung. Fühlen sich chinesische Firmen dadurch nicht isoliert?

Gast: Isoliert? Eher befreit. Sie müssen nicht mehr auf US-Technologie angewiesen sein, um zu wachsen. Stattdessen konzentrieren sie sich auf den asiatischen Markt. Die globalen Investitionsströme werden dadurch drastisch umgelenkt.

Senn: Um wie viel Prozent verschiebt sich das Kapital? Haben Sie konkrete Prognosen?

Gast: Wir sehen bereits, dass asiatische KI-Runden zu sechzig Prozent aus lokalen Quellen gespeist werden. Nur noch zwanzig Prozent kommen aus Europa, und der Schweizer Anteil liegt bei etwa zehn Prozent. Das ist ein signifikanter Rückgang gegenüber dem Vorjahr.

Senn: Zehn Prozent aus der Schweiz. Ist das nicht sehr wenig?

Gast: Relativ betrachtet ist es stabil. Absolut gesehen fehlt es noch an Skalierung. Aber die Schweiz positioniert sich als neutraler Hafen. In einer Welt, die sich in Blöcke teilt, bleibt die Neutralität wertvoll.

Senn: Aber die USA sind der grösste Innovator. Ohne US-Kapital kann China doch nicht mithalten. Oder?

Gast: Das war die alte Logik. Heute entwickelt China eigene LLMs, die in vielen Aspekten sogar besser sind. US-Kapital bringt nicht nur Geld, sondern auch strategische Abhängigkeiten. Die NDRC will diese Abhängigkeit verhindern.

Senn: Verhindern oder erzwingen? Wenn China keine US-Investoren mehr zulässt, verliert es Zugang zu westlichen Technologien. Ist das nicht ein Rückzug?

Gast: Es ist ein strategischer Rückzug aus der Kontrolle. China investiert massiv in eigene Chips. Die USA konfrontieren China mit mangelnder Infrastruktur zum Schutz ihrer Innovationen. Das treibt China in die Selbstversorgung.

Senn: Selbstversorgung klingt gut, bis die Kosten explodieren. Wer zahlt die Differenz?

Gast: Der Staat. China subventioniert den Aufbau. Die USA subventionieren ihre eigene Industrie. Beide Blöcke zahlen für ihre Sicherheit. Die globale Effizienz leidet darunter. Das wissen wir aus der VWG-Literatur.

Senn: Aber die Märkte reagieren positiv. Die asiatischen Börsen für KI steigen.

Gast: Kurzfristig ja. Langfristig wird es teurer. Aber die Investoren akzeptieren den Preis für die Sicherheit. In Gespächen mit CFOs wird deutlich, dass Diversifikation wichtiger ist als Rendite.

Senn: Diversifikation weg von den USA. Wohin fließt das Geld dann?

Gast: Nach Singapur, Dubai und natürlich zurück nach Europa. Europa versucht, die Lücke zu schliessen. Die EU hat neue Förderprogramme aufgelegt.

Senn: Sind die europäischen Förderungen effektiv? Oder versinken sie im Bürokratie-Dschungel?

Gast: Das ist das Problem. Bürokratie bremst. Aber die Richtung stimmt. Europa will technologische Souveränität. Das passt zum chinesischen Interesse an nicht-westlichem Kapital.

Senn: Ein unromantisches Ehepaar, China und Europa.

Gast: Pragmatisch. Beide wollen unabhängig von den USA sein. Das ist die treibende Kraft. Die USA verlieren an Einfluss, weil sie ihre eigenen Regeln als Waffe nutzen.

Senn: Aber die USA sind immer noch die Nummer eins in der KI-Forschung.

Gast: In der Forschung vielleicht. In der Anwendung und Skalierung in Asien nein. China hat die Daten, die Infrastruktur und den Markt. Das US-Kapital war nur ein Katalysator, kein Muss.

Senn: Und die Schweiz? Bleiben wir im Schatten der USA?

Gast: Die Schweiz bleibt neutral. Wir investieren in Schweizer Firmen, die in China agieren. Aber wir halten uns aus dem geopolitischen Konflikt heraus. Das ist unser Vorteil.

Senn: Heisst das, wir verlieren Geschäfte an die USA?

Gast: Nicht unbedingt. Wir verlieren Geschäfte an Asien. Aber wir gewinnen an Stabilität. Wer sich in Zürich umhört, hört, dass Stabilität heute mehr wert ist als Hype.

Senn: Aber der Hype treibt die Bewertungen. Wenn das Geld aus Asien kommt, sind die Bewertungen anders.

Gast: Ja, sie sind anders. Sie sind weniger spekulativ. Sie basieren auf Cashflow, nicht auf Versprechen. Das ist gesünder.

Senn: Gesünder für wen? Für die Investoren oder die Wirtschaft?

Gast: Für die Wirtschaft. Spekulation führt zu Blasen. Fundamentale Werte führen zu Wachstum. China zeigt das gerade.

Senn: Aber China ist ein autoritäres System. Ist das ein Modell, das wir übernehmen wollen?

Gast: Wir wollen kein Modell übernehmen. Wir wollen verstehen, was funktioniert. Und was funktioniert, ist die lokale Finanzierung lokaler Innovation.

Senn: Also keine US-Investoren in China. Aber auch keine chinesischen in den USA?

Gast: Das ist die Tendenz. Die Abkopplung beschleunigt sich. Die USA sperren China aus, China sperrt die USA aus. Es entsteht ein Doppelsystem.

Senn: Ein Doppelsystem der KI. Wie sieht das in der Praxis aus?

Gast: Zwei unterschiedliche Tech-Stacks. Zwei unterschiedliche Standards. Zwei unterschiedliche Ökosysteme. Das ist der neue Normalzustand.

Senn: Und die Schweiz? Wo steht sie in diesem Doppelsystem?

Gast: Sie steht auf der Brücke. Aber die Brücke wird schmaler. Die Neutralität wird unter Druck gesetzt.

Senn: Unter Druck von wem? Von den USA oder von China?

Gast: Von beiden. Beide Seiten wollen, dass wir Partei ergreifen. Wir weigern uns. Das macht uns zur Zielscheibe.

Senn: Aber auch zum Partner.

Gast: Ja, zum Partner der Neutralen. Es gibt noch Länder, die nicht in einem der Blöcke stehen.

Senn: Wie viele sind das noch?

Gast: Wenige. Die Welt polarisiert sich. Das sehen wir an den Handelsströmen.

Senn: Und die KI-Finanzierung?

Gast: Sie folgt den Handelsströmen. Wenn der Handel zwischen den Blöcken sinkt, sinkt die Finanzierung.

Senn: Also ist die KI-Finanzierung ein Indikator für die geopolitische Spannung?

Gast: Genauer: Sie ist ein Werkzeug der geopolitischen Spannung. Kapital ist Macht. Wer das Kapital kontrolliert, kontrolliert die Zukunft.

Senn: Und wer kontrolliert das Kapital in China?

Gast: Der Staat. Durch die NDCA-Verordnungen. Es ist ein staatlich gelenktes Ökosystem.

Senn: Und in den USA?

Gast: Der Markt. Aber mit staatlicher Unterstützung. Die USA mischen sich ein, um ihre Führung zu halten.

Senn: Und Europa?

Gast: Europa versucht, einen dritten Weg zu finden. Aber es fehlt die Masse. Der Markt ist zu klein.

Senn: Zu klein für globale KI?

Gast: Ja. KI braucht Skalierung. Europa hat keine Skalierung.

Senn: Also bleibt nur Asien oder die USA?

Gast: Genau. Europa wird marginalisiert. Das ist die harte Wahrheit.

Senn: Eine harte Wahrheit für europäische Investoren.

Gast: Ja. Sie müssen akzeptieren, dass sie nicht mehr im Zentrum stehen.

Senn: Und die Schweiz?

Gast: Die Schweiz hat eine Nische. Sie ist der Dienstleister. Der Finanzplatz. Aber nicht der Innovator.

Senn: Also nur der Vermittler?

Gast: Ja. Der Vermittler in einer zerbrochenen Welt.

Senn: Ein schwieriger Job.

Gast: Ja. Aber nötig. Die Welt braucht Brücken, auch wenn sie schmaler werden.

Senn: Und die USA? Verlieren sie ihre Führung?

Gast: Nicht sofort. Aber langfristig ja. Wenn China die Infrastruktur aufbaut, wird die US-Führung obsolet.

Senn: Obsolet? Ist das nicht übertrieben?

Gast: Nein. Infrastruktur ist entscheidend. Wer die Infrastruktur baut, bestimmt die Regeln.

Senn: Und China baut die Infrastruktur.

Gast: Ja. Und die USA tun es nicht in Asien. Das ist der Fehler.

Senn: Ein strategischer Fehler.

Gast: Ja. Ein fataler Fehler.

Senn: Fazit?

Gast: Die USA sperren sich selbst aus. China schliesst sich ab. Die Welt teilt sich.

Senn: Und wir?

Gast: Wir schauen zu. Und hoffen, dass wir nicht getroffen werden.

Senn: Hoffen ist keine Strategie.

Gast: Nein. Aber es ist die einzige, die wir haben.

Senn: Danke für das Gespräch.

Gast: Danke.

Regulierungs-Landschaft

Senn: Herr Müller, wir haben die geopolitischen Spannungen und die Kapitalflüsse bereits durchleuchtet. Doch wo bleibt die rechtliche Grundlage? China schliesst US-Investoren aus. Wie reagiert der Westen? Ist die regulatorische Landschaft dort wirklich so fragmentiert, wie es scheint, oder gibt es einen koordinierten Ansatz?

Gast: Das ist genau der Punkt, an dem die Theorie oft an der Praxis scheitert. Wenn Sie in Peking nachfragen, ist die Lage klar. Laut TechStory hat die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC) den Top-Technologieunternehmen und KI-Pionieren den Befehl erteilt, US-Investitionen in kommenden Finanzierungsrunden abzulehnen, es sei denn, sie wurden explizit von Peking autorisiert. Das ist keine vage Empfehlung. Das ist eine direkte Anweisung, die die Souveränität über strategische Daten und Algorithmen sicherstellen soll. In Washington hingegen herrscht ein anderer Zustand. Die Fed hat die Zinsen im Bereich von 3,5% bis 3,75% gehalten, was laut CNBC zwar die Ersparnisrenditen über der Inflation hält, aber für Tech-Firmen, die auf billiges Geld angewiesen sind, keine direkte regulatorische Hürde darstellt. Die Regulierung dort ist eher indirekt, über geldpolitische Signale, statt über direkte Eingriffe in die Investitionsströme.

Senn: Also eine Asymmetrie. China nutzt harte Befehle, der Westen nutzt weiche Hebel. Aber wie sieht es mit der EU aus? Dort wird oft von einem einheitlichen digitalen Markt gesprochen. Ist die Realität da wirklich so kohärent?

Gast: Kohärent? Nein, das wäre zu viel gesagt. Die EU bewegt sich in einer Grauzone, die von Brüssel bis nach Frankfurt reicht. Die EU-US-Vergleichsanalyse von 2025 zeigt, dass wir hier vor einem Flickenteppich stehen. Während die NDRC in China klar definiert, wer Geld annehmen darf, sind die Zuständigkeiten in der transatlantischen Zusammenarbeit oft unklar. Es gibt keine einheitliche Stelle, die über die Sicherheit von KI-Finanzierungen entscheidet. Das erzeugt regulatorische Lücken, die global agierende Tech-Unternehmen ausnutzen. Ich habe kürzlich mit CFOs in Zürch und Genf gesprochen, die berichten, dass sie zwischen verschiedenen Compliance-Anforderungen hin- und hergerissen sind. Was in der EU als ‘sichere Zone’ gilt, kann in den USA plötzlich als Risiko für die nationale Sicherheit eingestuft werden.

Senn: Und das, obwohl wir uns doch auf gemeinsame Werte berufen? Wo liegt da das Problem? Ist es mangelnde Infrastruktur oder mangelnder Wille?

Gast: Es ist beides. Die Infrastruktur fehlt. In den USA gibt es das FedWatch-Tool von CME Group, das die Wahrscheinlichkeiten von Zinsänderungen abbildet. Das ist ein klares Signal für den Markt. In China gibt es die NDRC-Anweisungen, die sofort wirken. In der EU? Wir haben den Digital Services Act, den Digital Markets Act, und jetzt noch den AI Act. Aber wer überwacht die Finanzierungsströme, die hinter diesen Technologien stecken? Niemand. Die Zuständigkeiten überschneiden sich, aber die Macht zur Durchsetzung ist zerrieben. Das führt dazu, dass wir Lücken in der globalen Tech-Überwachung haben. Wer sich in den Büros der Grossbanken in der Bahnhofstrasse umhört, hört von Frustration. Die Banken wollen compliant sein, aber sie wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen, wenn ein Kunde aus den USA oder China kommt.

Senn: Sie erwähnten die Lücken. Können Sie das konkretisieren? Welche Lücke ist am gefährlichsten für die Schweizer Finanzplatz-Interessen?

Gast: Die gefährlichste Lücke ist die der Datenhoheit. Wenn US-Investoren aus China ausgeschlossen werden, wie die Berichte von TechStory nahelegen, dann verschiebt sich die Macht. Die KI-Entwicklung in China läuft weiter, finanziert durch heimisches Kapital. In den USA wird die Entwicklung durch die Fed-Zinsen von 3,5% bis 3,75% beeinflusst, was die Risikobereitschaft dämpft. Aber in der EU? Da fehlt der klare Rahmen. Die EU-US-Vergleichsanalyse von 2025 zeigt, dass wir oft nachziehen. Die USA definieren die Sicherheitsstandards, China die Marktzugangsbedingungen. Die EU bleibt dabei auf der Strecke, weil ihre Regulierung zu sehr auf Transparenz und weniger auf strategische Abschottung oder Förderung abzielt. Für einen Schweizer Platz wie den unseren ist das fatal. Wir sind das Bindeglied. Und wenn die beiden grossen Blöcke keine klaren Regeln für den Durchgang haben, stockt der Verkehr.

Senn: Aber gibt es nicht Ansätze, diese Lücken zu schliessen? Die SNB oder andere Institutionen?

Gast: Die SNB fokussiert sich primär auf die Preisstabilität und die Stabilität des Finanzsystems. Das ist ihr Mandat. Sie überwacht die Banken, nicht die KI-Strategie der USA oder Chinas. Die EU-Kommission versucht, mit dem AI Act zu regulieren, was die Technologie tut, nicht wer sie finanziert. Das ist ein fundamentaler Fehler. Denn wie Sie sagten, die NDRC in China kontrolliert die Finanzierung. Das ist der Hebel. Ohne Kontrolle über die Finanzierung keine Kontrolle über die Technologie. Und in den USA? Dort wird die Finanzierung durch die Zinsen der Fed gesteuert. Wenn die Fed die Zinsen hält, wie es für den 29. April 2026 erwartet wird, bleibt der Status quo. Aber das ist keine aktive Regulierung der KI-Finanzierung. Es ist passive Geldpolitik. Das hinterlässt genau diese Lücke, von der ich spreche.

Senn: Heisst das, dass wir in einer Art regulatorischen Wildwest-Situation landen?

Gast: Nicht unbedingt Wildwest, aber eher ein geschlossenes Spielfeld für die einen und ein offenes Tor für die anderen. China hat das Tor geschlossen, wie die NDRC-Befehle zeigen. Die USA halten das Tor halb offen, aber mit Zinsbarrieren. Die EU hat das Tor weit offen, aber ohne Wächter. Das ist problematisch, weil KI-Technologie keine Grenzen kennt. Ein Algorithmus, der in Shenzhen entwickelt und in Shenzhen finanziert wird, kann in Berlin eingesetzt werden. Und wenn wir in Berlin keine klare Regel haben, wer dahintersteckt, weil die Zuständigkeiten unklar sind, dann sind wir verwundbar. Die EU-US-Vergleichsanalyse von 2025 macht das deutlich. Sie zeigt, dass die USA ihre Finanzierungsströme strategisch lenken, während die EU versucht, alle gleich zu behandeln. Im Zeitalter der geopolitischen Zäsur ist das ein Rezept für Abhängigkeit.

Senn: Und wie sieht das für die Unternehmen aus? Die müssen doch handeln. Was raten Sie den CEOs?

Gast: Sie müssen diversifizieren und sich klar positionieren. Wer in China aktiv sein will, muss sich an die NDRC halten. Das ist nicht verhandelbar. Wer in den USA operiert, muss die Zinspolitik der Fed im Blick behalten, die sich am 29. April 2026 entscheiden wird, ob die Raten bei 3,5% bis 3,75% bleiben oder steigen. Das beeinflusst die Bewertungen massiv. Und in der EU? Da müssen die Unternehmen selbst die Lücke füllen, indem sie Compliance-Strukturen aufbauen, die über das hinausgehen, was gesetzlich vorgeschrieben ist. Aber das ist teuer und ineffizient. Die Erfahrung der letzten zwei Jahre zeigt, dass Unternehmen, die sich auf die EU-Regulierung verlassen, oft überrascht werden, wie schnell sich die geopolitischen Rahmenbedingungen ändern können.

Senn: Gibt es Hoffnung auf eine globale Harmonisierung? Oder müssen wir uns auf die Teilung der Welt einstellen?

Gast: Harmonisierung ist in naher Zukunft unwahrscheinlich. Die Interessen sind zu unterschiedlich. Die USA wollen ihre technologische Führung durch flexible Märkte schützen. China will seine Souveränität durch geschlossene Kreise wahren. Die EU will Werte schützen, kommt aber bei der Umsetzung in die regulatorischen Lücken, die wir analysiert haben. Die EU-US-Vergleichsanalyse von 2025 bestätigt diesen Trend. Sie zeigt keine Annäherung, sondern eine Divergenz. Wir müssen uns auf eine multipolare Welt einstellen, in der die Regulierung der KI-Finanzierung ein weiteres Schlachtfeld ist. Und in diesem Schlachtfeld sind wir in der EU oft die Schlachtopfer, weil wir keine klare Waffe haben.

Senn: Eine Waffe, die fehlt?

Gast: Eine klare, durchsetzbare Strategie für den Kapitalfluss. Nicht nur für die Technologie, sondern für das Geld, das sie antreibt. Die NDRC hat das. Die Fed hat die Hebel. Die EU hat nur Empfehlungen. Das ist das Ungleichgewicht. Und solange es das gibt, werden US-Investoren, die in China ausgeschlossen werden, wie in der aktuellen Berichterstattung zu sehen ist, nach anderen Häfen suchen. Und wenn die EU kein klarer Hafen ist, sondern ein Labyrinth aus unklaren Zuständigkeiten, dann gehen sie woanders hin. Vielleicht zurück in die USA, wenn die Zinsen sinken, oder nach Asien, wenn die NDRC lockert. Aber nicht in die EU. Das ist die traurige Realität.

Senn: Und für die Schweiz? Bleiben wir nur Zuschauer?

Gast: Wir können Beobachter sein, aber wir sollten nicht nur Zuschauer bleiben. Unsere Stärke liegt in der Neutralität und der Finanzplatz-Expertise. Aber wir müssen die regulatorischen Lücken der EU nutzen, um Brücken zu bauen, wo andere Mauern errichten. Das erfordert Mut und klare Positionen. Sonst werden wir zum Transitland für Kapitalströme, die wir nicht kontrollieren können. Und das ist auf Dauer keine sichere Position für einen kleinen, offenen Wirtschaftsstandort. Die Zeit der vagen Regulierung ist vorbei. Die Zeiten der klaren Befehle und der klaren Zinsen sind da. Und dazwischen? Dazwischen klafft die Lücke, die wir füllen müssen, bevor es zu spät ist.

Europäische Implikationen

Senn: Herr Dr. Weber, wir haben bisher viel über die direkte Konfrontation zwischen Washington und Peking gesprochen. Doch wie wirkt sich diese Spaltung konkret auf europäische Investoren aus, die versuchen, im globalen KI-Wettlauf nicht abgehängt zu werden?

Gast: Das ist die entscheidende Frage, die in Zürich und Frankfurt oft unter den Tisch fällt. Wir stehen vor einem fundamentalen Strukturbruch. Die alte Logie, dass Kapital fließt, wohin die Rendite lockt, funktioniert in der KI-Branche nicht mehr. Die EU-Investoren befinden sich in einer Zwickmühle. Auf der einen Seite drängen geopolitische Bedenken und US-Exportkontrollen dazu, sich von chinesischen Tech-Wertpapieren zu distanzieren. Auf der anderen Seite schließt sich die Tür in Peking für amerikanisches Geld, was bedeutet, dass europäische Kapitalgeber die einzige verbliebene westliche Option sind, um Zugang zu den besten KI-Startups in der Region zu erhalten. Es ist ein rares Privileg, aber auch ein enormes Risiko.

Senn: Sie sprechen von einem „Privileg“. Ist das nicht etwas euphemistisch? Die regulatorische Landschaft in der EU ist doch bekanntermaßen streng. Wie können europäische Fonds überhaupt die nötige Flexibilität aufbringen, um in solchen sensiblen Märkten zu agieren?

Gast: Genau das ist das Dilemma. Die EU hat mit dem AI Act einen der strengsten Regulierungsrahmen der Welt geschaffen. Während die USA eher auf nationale Sicherheit und Exportkontrollen setzen, reguliert Europa die Technologie selbst. Für einen Schweizer oder französischen Investor bedeutet das, dass er nicht nur die geopolitischen Risiken in China bewerten muss, sondern auch die komplexe Compliance in Europa. Wer sich in Zürcher Büros umhört, hört oft die Frustration darüber, dass die Bürokratie die Agilität der asiatischen Konkurrenten erdrückt. Wir verlieren an Dynamik.

Senn: Aber ist der Markt in Europa wirklich so fragmentiert, wie Sie suggerieren? Deutschland, Frankreich, die Niederlande – sie haben doch alle eigene KI-Initiativen. Gibt es nicht doch eine gewisse Kohärenz?

Gast: Kohärenz ist ein schönes Wort für das, was in der Praxis passiert. Es gibt keine einheitliche europäische KI-Strategie, die mit der US- oder chinesischen Regierungskoordinierung mithalten kann. Jedes Land hat seine eigenen Prioritäten. Deutschland fokussiert sich auf industrielle KI und Fertigung. Frankreich auf große Sprachmodelle und staatliche Förderungen. Die Niederlande auf Halbleiter und Hardware. Für einen globalen Investor ist das ein Labyrinth. Man kann nicht einfach „in Europa investieren“, ohne genau zu wissen, in welches nationale Ökosystem man einsteigt. Das erschwert die Skalierung enorm.

Senn: Lassen Sie uns das konkretisieren. Welche konkreten Hindernisse sehen Sie für Schweizer Investoren, die traditionell stark in globale Märkte diversifiziert sind?

Gast: Für Schweizer Fonds ist die Herausforderung doppelt. Erstens die Abhängigkeit vom US-Markt. Viele unserer großen Vermögensverwalter haben ihre Wurzeln in der US-Finanzwelt. Wenn die USA den Zugang zu chinesischen KI-Runden blockieren, wie Sie es erwähnt haben, wird dieser Pfad für alle westlichen Investoren schwerer. Zweitens die mangelnde Tiefe des lokalen Marktes. In der Schweiz fehlt es an der kritischen Masse an frühen KI-Unternehmen, die große Runde von 50 Millionen Franken oder mehr benötigen. Wir müssen also auswandern, um zu investieren.

Senn: Auswandern? Das ist ein starker Begriff. Meinen Sie damit, dass europäische Kapitalgeber gezwungen sind, sich in asiatische Märkte zu wagen, obwohl die Risiken hoch sind?

Gast: Ja, genau. Es ist ein erzwungenes Handeln. Wenn die US-Investoren ausgegrenzt werden, wie die Berichte der NDRC nahelegen, entsteht ein Vakuum. Dieses Vakuum will gefüllt werden. Europäische Private-Equity-Häuser und Venture-Capital-Fonds sehen sich gezwungen, Lücken zu schließen, die die Amerikaner nicht mehr füllen können. Das ist strategisch klug, aber operativ extrem anspruchsvoll. Man braucht lokales Wissen, lokale Partner und ein tiefes Verständnis für die politischen Gegebenheiten in Peking. Das haben nur wenige europäische Fonds.

Senn: Wie reagieren die europäischen Regulierungsbehörden auf diese Entwicklung? Gibt es Bemühungen, den europäischen Markt attraktiver zu machen, um den US-Chinesen-Konflikt abzufedern?

Gast: Die Bemühungen sind da, aber sie hinken hinterher. Die EU versucht, mit Förderprogrammen wie dem European Chips Act oder KI-Allianzen gegenzusteuern. Doch die Geschwindigkeit, mit der sich die geopolitischen Realitäten ändern, überholt diese politischen Prozesse. Während Brüssel noch über Richtlinien debattiert, haben sich die Märkte bereits fragmentiert. Die Erfahrung der letzten zwei Jahre zeigt, dass politische Entscheidungen oft zu langsam sind, um wirtschaftliche Trends aufzuhalten.

Senn: Sie erwähnten die US-Exportkontrollen. Wie stark beeinflussen diese die Entscheidungen europäischer Investoren direkt? Fühlen sie sich gezwungen, sich zu positionieren?

Gast: Absolut. Die US-Regelungen wirken wie ein Schatten über alle westlichen Transaktionen. Ein europäischer Investor, der in ein chinesisches KI-Startup investiert, muss prüfen, ob dabei US-Technologie oder US-IP involviert ist. Wenn ja, riskiert er Sanktionen. Das führt zu einer selbstauferlegten Vorsicht. Viele europäische Fonds ziehen sich aus bestimmten Sektoren zurück, nur um auf der sicheren Seite zu sein. Das ist keine rationale Marktentcheidung, sondern eine geopolitische Notwendigkeit.

Senn: Ist das nicht paradox? Europa will technologische Souveränität, aber die Abhängigkeit von US-Regulierungen nimmt zu?

Gast: Das ist die bittere Ironie. Je mehr Europa seine Souveränität betonen will, desto stärker wird es in das US-Regelwerk eingebunden. Denn die globale KI-Infrastruktur, die Cloud-Dienste, die Halbleiter – sie alle werden maßgeblich von US-Firmen dominiert. Europa kann nicht einfach aussteigen. Es muss sich anpassen. Und das bedeutet für die Investoren, dass sie ihre Portfolios neu gewichten müssen. Weniger US-Tech, mehr europäische oder asiatische Alternativen.

Senn: Wie sieht das in der Praxis aus? Verändern europäische Fonds ihre Strategien spürbar?

Gast: Ja, man sieht es an den Deals. Die Zahl der europäischen Investitionen in US-KI-Startups steigt nicht mehr so schnell wie erwartet. Stattdessen fließt mehr Kapital in europäische Deep-Tech-Unternehmen und in ausgewählte asiatische Märkte, die nicht direkt von US-Sanktionen betroffen sind. Es ist eine vorsichtige Annäherung. Man sucht nach Nischen, wo die geopolitischen Spannungen geringer sind.

Senn: Welche Nischen sind das konkret?

Gast: Zum Beispiel KI in der Biotechnologie oder in der nachhaltigen Energie. Hier sind die Anwendungen weniger dual-use-fähig, also weniger anfällig für Sicherheitsbedenken. Oder man investiert in KI-Software, die lokal auf chinesischen Servern läuft, ohne US-Code zu nutzen. Das erfordert jedoch spezialisiertes Wissen, das in Europa noch fehlt.

Senn: Fehlt es also an Talent?

Gast: Nicht nur an Talent, sondern auch an Risikokapital. Die US-Venture-Capital-Branche ist einfach größer und risikofreudiger. Europa hat eine Kultur der Vorsicht, die in der schnellen KI-Welt nachteilig sein kann. Wir brauchen mutigere Investoren, die bereit sind, größere Risiken einzugehen, um die technologische Lücke zu schließen.

Senn: Aber die Renditeerwartungen sind doch auch ein Faktor. Wenn die Märkte fragmentiert sind, sinken die potenziellen Gewinne?

Gast: Das ist die große Sorge. Ein fragmentierter Markt bedeutet höhere Transaktionskosten und komplexere Due-Diligence-Prozesse. Die Renditen müssen höher sein, um diesen Mehraufwand zu rechtfertigen. Wenn nicht, fließt das Kapital woanders hin, etwa in traditionelle Sektoren oder in andere Schwellenländer. Das wäre ein langfristiger Schaden für die europäische KI-Industrie.

Senn: Gibt es denn überhaupt positive Signale für europäische Investoren in dieser schwierigen Lage?

Gast: Es gibt Hoffnung durch die Diversifizierung. Europa kann als neutraler Raum zwischen den Blöcken fungieren. Wenn die USA und China sich gegenseitig ausschließen, bleibt Europa als Brücke übrig. Das könnte langfristig Vorteile bringen. Aber das ist eine langfristige Perspektive. Kurzfristig müssen wir uns mit den Realitäten eines fragmentierten Marktes auseinandersetzen.

Senn: Wie bereiten sich europäische Fonds auf diese Realität vor? Was ist der erste Schritt?

Gast: Der erste Schritt ist das Umdenken. Man muss aufhören, den globalen Markt als homogen zu betrachten. Stattdessen muss man regionale Ökosysteme verstehen und pflegen. Das bedeutet, lokale Partnerschaften aufzubauen und sich tief in die jeweiligen regulatorischen Umgebungen einzuarbeiten. Es ist harter Arbeit, aber notwendig.

Senn: Und die Rolle der Schweiz? Bleibt sie außen vor oder wird sie Teil dieser Dynamik?

Gast: Die Schweiz bleibt ein wichtiger Finanzplatz, aber sie muss ihre Nische finden. Sie kann nicht mit den USA oder China konkurrieren. Aber sie kann als neutrale Plattform für Investitionen in beide Richtungen dienen. Das erfordert jedoch politische Stabilität und Vertrauen in das Rechtssystem. Wenn das wackelt, ist der Schweizer Standort schnell abgehängt.

Senn: Ein letzter Punkt: Wie schätzen Sie die Zukunft der europäischen KI-Finanzierung ein? Wird sie überleben?

Gast: Sie wird überleben, aber sie wird anders aussehen. Weniger dominant, mehr spezialisiert. Europa wird nicht der globale Kopf der KI-Innovation sein, aber es wird ein wichtiger Knotenpunkt in einem fragmentierten Netzwerk. Das ist kein Versagen, sondern eine Anpassung an die neuen geopolitischen Realitäten. Wir müssen damit lernen, umzugehen.

Senn: Herr Dr. Weber, danke für diese differenzierte Einschätzung.

Gast: Gerne. Die Herausforderungen sind groß, aber lösbar, wenn wir realistisch bleiben.

Schweizer Risikobewertung

Senn: Herr Müller, lassen Sie uns den Blickwinkel wechseln. Wir haben über chinesische Restriktionen und europäische Regulierungen gesprochen. Doch für einen Schweizer Investor ist die Frage oft: Ist das überhaupt noch relevant? Wir sind doch kein direkter Teil der US-China-Konfrontation. Oder täuscht das?

Gast: Das ist ein weit verbreiteter Irrtum, der leider oft zu spät korrigiert wird. Die Schweiz ist nicht isoliert, sie ist vernetzt. Wenn China US-Investoren aus KI-Finanzierungsrunden ausschliesst, wie die Berichte von TechStory andeuten, dann verändert das die globale Liquidität. Und Liquidität kennt keine Grenzen. Schweizer Tech-Exporteure, die in den USA oder China operieren, spüren das sofort. Es geht nicht nur um Politik. Es geht um die Kosten des Kapitals.

Senn: Kosten des Kapitals? Da denke ich an die Zinsen. Aber die Schweiz hat doch eine eigene Währungspolitik. Die SNB ist doch unabhängig.

Gast: Absolut. Aber die SNB orientiert sich indirekt an der globalen Lage. Und hier kommt ein entscheidendes Datum ins Spiel: Der 29. April 2026. An diesem Tag trifft die US-Notenbank Fed ihre nächste Zinsentscheidung. Das ist kein beliebiges Datum. Es ist ein Fixpunkt für alle, die in Dollar denken, also fast alle Schweizer Institutionen.

Senn: Warum genau dieser Termin? Ist da etwas Besonderes geplant?

Gast: Laut aktuellen Prognosen und Berichten von Equals Money wird die Fed die Leitzinsen am 29. April 2026 voraussichtlich bei 3,5 bis 3,75 Prozent halten. Man nennt das “holding steady”. In einer Zeit, in der die Sparzinsen noch relativ attraktiv sind, wie es CNBC kürzlich betonte, wirkt diese Stabilität beruhigend. Doch sie ist trügerisch. Wenn die Fed die Zinsen nicht senkt, bleibt das Geld teuer. Und wenn das Geld teuer ist, werden Investitionen riskant.

Senn: Also bedeutet das, dass Schweizer Firmen, die nach China expandieren wollen, teurer finanzieren müssen?

Gast: Nicht nur das. Es bedeutet, dass die globale Risikoprämie steigt. Wenn die USA und China sich entkoppeln, wie es die NDRC-Anweisungen nahelegen, dann bricht ein Teil des Marktes weg. Für Schweizer KI-Startups, die globale Lieferketten aufbauen, heisst das: Sie verlieren einen grossen Teil ihrer potenziellen Kunden und Investoren. Und das bei gleichzeitig hohen Finanzierungskosten. Das ist ein doppelter Schlag.

Senn: Aber warten Sie mal. Die SNB hat doch kürzlich die Zinsen gesenkt. Oder nicht?

Gast: Das ist ein wichtiger Punkt, den viele übersehen. Die SNB senkt die Zinsen, um den Franken zu schwächen und die Exporte zu stützen. Doch während die SNB lockert, hält die Fed die Zinsen hoch. Dieser Widerspruch erzeugt Volatilität. Der Franken wird stärker, weil die Schweiz als sicherer Hafen gilt. Und das schadet unseren Tech-Exporteuren massiv. Wer in Zürich sitzt und nach Shanghai liefert, bekommt weniger Franken pro Dollar. Das ist kein theoretisches Problem. Das sehen wir in den Bilanzen der letzten zwei Jahre.

Senn: Sie sagen, die SNB-Entscheidung hilft den Exporten, aber der starke Franken schadet ihnen. Wie reconciliert man das?

Gast: Man kann es nicht einfach reconciliieren. Man muss es managen. Die Erfahrung in Zürcher Büros zeigt, dass CFOs heute viel mehr Währungs-Hedging betreiben als noch vor drei Jahren. Sie kaufen Forward-Kontrakte, sie diversifizieren ihre Einnahmen. Doch das kostet Geld. Und woher nehmen sie das Geld? Aus der Liquidität, die durch die globalen KI-Investitionen entstanden ist. Und genau diese Liquidität wird knapper, weil China die US-Investoren aussperrt.

Senn: Also ist die chinesische Restriktion indirekt auch ein Problem für die Schweizer Liquidität?

Gast: Ganz genau. US-Investoren waren oft die Treiber der globalen KI-Blase. Wenn sie aus China aussteigen, sinkt das globale Wachstumserwartung. Und wenn das Wachstum sinkt, sinkt die Renditeerwartung. Schweizer Venture-Capital-Fonds, die global aufgestellt sind, spüren das. Sie müssen ihre Bewertungen anpassen. Und das betrifft auch die Schweizer Tochtergesellschaften dieser Fonds.

Senn: Aber gibt es nicht auch Chancen? Vielleicht profitieren wir ja von der Entkopplung?

Gast: Das ist die andere Seite der Medaille. Wenn die USA und China sich trennen, suchen beide Blöcke nach neutralen Partnern. Die Schweiz könnte dieser neutrale Partner sein. Wir sind nicht Teil der EU-Regulierungswut, und wir sind nicht Teil der US-Sanktionspolitik. Das könnte ein Vorteil sein. Doch dieser Vorteil nützt nichts, wenn die Finanzierungskosten zu hoch sind. Und die Finanzierungskosten werden durch die Fed bestimmt.

Senn: Also müssen wir auf den 29. April 2026 warten, um zu wissen, ob die Schweiz gewinnt oder verliert?

Gast: Nicht nur warten. Wir müssen die Signale lesen. Wenn die Fed die Zinsen hält, wie erwartet, dann bleibt der Dollar stark. Und ein starker Dollar bedeutet einen starken Franken. Das ist schlecht für die Exporte. Wenn die Fed aber doch senkt, dann könnte das die globale Nachfrage ankurbeln. Dann hätten wir eine Chance. Doch die Wahrscheinlichkeit für eine Senkung ist derzeit gering, wie die CME FedWatch-Daten zeigen. Die Märkte preisen eine Haltepolitik ein.

Senn: Und was bedeutet das für die Schweizer KI-Strategie?

Gast: Es bedeutet, dass wir uns anpassen müssen. Wir können uns nicht mehr auf das alte Modell verlassen, wo wir einfach nach China gegangen sind und dort gebaut haben. Das ist vorbei. Wir müssen in die Lieferketten integrieren, die noch offen sind. Und das sind oft die europäischen und amerikanischen. Aber auch diese werden durch die hohen Zinsen belastet.

Senn: Heisst das, dass die Schweizer KI-Branche in einer Zwickmühle steckt?

Gast: Ja, das ist die Kernaussage. Wir stecken zwischen den Stühlen. China schliesst uns aus, weil es die US-Investoren ausschliesst. Die USA halten die Zinsen hoch, um die Inflation zu bekämpfen. Die EU reguliert uns ein, um die Sicherheit zu gewährleisten. Und die Schweiz? Die Schweiz versucht, neutral zu bleiben. Doch Neutralität kostet Geld. Und in einer Welt mit hohen Zinsen und geschrumpften Märkten ist Neutralität ein Luxus, den sich nur die Grossen leisten können.

Senn: Aber wir haben doch kleine, agile Firmen. Die sollten doch flexibel sein.

Gast: Flexibilität ist gut. Doch Flexibilität hilft nicht, wenn das Fundament wackelt. Die globalen Lieferketten sind das Fundament. Wenn diese unterbrochen werden, weil China die US-Investoren aussperrt, dann wackelt auch das Fundament für die Schweizer Firmen, die in diesen Ketten eingebunden sind. Das ist keine Theorie. Das ist die Realität der letzten Monate.

Senn: Gibt es dann keine Hoffnung?

Gast: Doch, es gibt Hoffnung. Aber sie kommt von woanders. Von der Innovation. Von der Fähigkeit, Produkte zu entwickeln, die so gut sind, dass sie die Hürden überwinden. Doch dafür brauchen wir Zeit. Und Zeit kostet Geld. Und das Geld wird teuer, weil die Fed den 29. April 2026 als Fixpunkt für die Zinspolitik nutzt. Wir müssen also innovativ sein, während wir finanziell unter Druck stehen. Das ist eine hohe Anforderung.

Senn: Und die SNB? Kann sie nicht eingreifen?

Gast: Die SNB kann eingreifen, indem sie den Franken schwächt. Doch das hat Grenzen. Wenn die globale Nachfrage sinkt, weil China und die USA sich trennen, dann nützt auch ein schwacher Franken nichts. Dann haben wir einfach weniger Exporte. Die SNB kann die Preise beeinflussen, aber nicht die Menge. Und die Menge wird durch die geopolitischen Kräfte bestimmt.

Senn: Also ist die Schweizer Risikobewertung am Ende eine globale Bewertung?

Gast: Genau. Wir können uns nicht im Schweizer Kämmerlein verstecken. Die Welt ist klein geworden, vor allem in der KI-Branche. Wenn in Peking ein Beschluss gefasst wird, der US-Investoren ausschliesst, dann spüren wir das in Zürich. Weil die Banken in Zürich mit den Banken in New York und Shanghai verbunden sind. Weil die Technologie in Zürich aus den USA und China stammt. Weil die Kunden in der ganzen Welt sind.

Senn: Dann bleibt nur eines: Wachen und handeln.

Gast: Ja, wachen und handeln. Aber vor allem: Verstehen. Verstehen, dass der 29. April 2026 ein wichtiger Tag sein wird. Und dass die Zinsen in den USA die Preise in der Schweiz bestimmen. Das ist die neue Realität. Und wer das ignoriert, wird am Markt scheitern.