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Fed-Halt trotz Nahost-Risiko

In den vergangenen Stunden hat sich die Unsicherheit an den Finanzmärkten weiter verdichtet, nachdem Handelsplattformen neue Prognosen zur nächsten Zinsentscheidung der US-Notenbank publik machten. Während viele Analysten mit einer raschen Normalisierung der Politik gerechnet hatten, deuten die neuesten Marktdaten darauf hin, dass die Federal Reserve ihre Kursstabilität beibehalten wird.

Senn: Herr Müller, lassen Sie uns direkt in die Materie einsteigen. Die Gerüchteküche dreht sich aktuell stark um die bevorstehende Zinsentscheidung am 29. April 2026. Die Markterwartungen sind geteilt. Wie schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit eines Haltens der Zinsen im aktuellen Umfeld ein, insbesondere vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten?

Gast: Die Wahrscheinlichkeit ist extrem hoch, Rafael. Man muss sich vergegenwärtigen, dass die US-Notenbank den Leitzins bereits im vergangenen Schritt auf den Zielbereich von 3,5% bis 3,75% festgelegt hat. Ein Wechsel wäre in der jetzigen Konstellation unverantwortlich. Die Sorge vor anhaltenden Energiepreiserhöhungen, die direkt aus der Eskalation der Konflikte im Nahen Osten resultieren, ist zu groß. Diese geopolitischen Spannungen führen nicht nur zu kurzfristigen Volatilitäten, sondern bedrohen strukturell die Stabilität der Lieferketten. Wenn die Ölpreise wieder spike-en, was angesichts der aktuellen Lage mehr als wahrscheinlich ist, dann wirkt sich das direkt auf die Kerninflation aus. Die Fed kann sich diesen Luxus nicht leisten, jetzt wieder zu lockern.

Senn: Das ist ein entscheidender Punkt. Viele Beobachter fragen sich jedoch, ob die Fed die Inflationsdaten vielleicht sogar unterschätzt. Wir sehen doch, dass die Kerninflation in den USA immer noch klebrig wirkt. Warum nicht einfach weiter warten und schauen, ob sich die Preise von selbst korrigieren?

Gast: Das ist ein gefährlicher Irrglaube. Weil es eben nicht nur um die Rohölpreise geht, sondern um die sekundären Effekte. Wenn Energie teurer wird, steigen die Produktionskosten für nahezu alle Industrien. Diese Kosten werden dann an die Endverbraucher weitergegeben. Die Kerninflation, also die Inflation ohne Nahrungsmittel und Energie, würde dann paradoxerweise doch wieder aufsteigen. Die Fed hat gelernt, dass man solchen Trends nicht zusehen darf, wenn sie sich in den Kernbereich der Preise vorwagt. Ein Halt signalisiert der Wirtschaft, dass die Notenbank wachsam bleibt. Es ist eine defensive Haltung, ja, aber eine notwendige.

Senn: Aber schauen wir auf die anderen Seiten der Waage. Die US-Wirtschaft zeigt doch gewisse Anzeichen von Abkühlung. Die Arbeitsmarktdaten sind zwar noch solide, aber das Wachstum verlangsamt sich. Fühlt sich die Fed unter Druck gesetzt, nicht zu viel der Wirtschaft abzuraten?

Gast: Das Wachstum verlangsamt sich, das stimmt. Aber es bricht nicht ein. Und hier kommt das Dilemma. Wenn die Fed jetzt senkt, um das Wachstum zu stützen, riskiert sie eine zweite Welle der Inflation. Die letzten zwei Jahre haben uns gelehrt, dass Inflationserwartungen, einmal in der Breite verankert, extrem schwer wieder loszuwerden sind. Die Fed möchte keine Fehler der Vergangenheit wiederholen. Sie hält die Zinsen hoch, um die Nachfrage zu dämpfen, aber sie senkt sie nicht zu schnell, um einen harten Lande zu vermeiden. Es ist ein Balanceakt auf einem schmalen Grat.

Senn: Wie wirkt sich diese Unsicherheit denn konkret auf Ihr Unternehmen aus? Sie haben doch einen deutlichen Anteil von 60% Ihrer Umsätze in den globalen Märkten. Fühlen Sie den Druck der hohen Zinsen in Ihren Kalkulationen?

Gast: Absolut. Die Finanzierungskosten sind ein permanenter Faktor in unserer Kalkulation. Wenn die Zinsen auf diesem Niveau von 3,5% bis 3,75% bleiben, bedeutet das für uns, dass wir keine Entlastung bei unseren Kreditkosten erwarten können. Wir müssen unsere Margen anders schützen. Wir können nicht einfach die Preise für unsere Kunden erhöhen, weil die Konkurrenz drückt. Stattdessen müssen wir effizienter werden. Das bedeutet Investitionen in Automatisierung, was wiederum Kapital erfordert. Und bei diesen Zinsen wird Kapital teuer. Es ist ein Teufelskreis, den wir durchhalten müssen.

Senn: Und was ist mit dem europäischen Teil Ihres Geschäfts, die 20%? Die EZB hat ja vor Kurzem ihre eigene Zinspolitik angepasst. Fühlt sich das anders an als in den USA?

Gast: Ja, das ist ein interessanter Kontrast. In Europa ist die Situation etwas anders gelagert. Die EZB agiert unter stärkerem Druck, weil die Wirtschaft dort schwächelt. Aber auch dort gibt es Inflationsrisiken, die durch Energieimporte entstehen. Wenn die USA ihre Zinsen halten, während die EZB vielleicht lockerer wird, führt das zu Währungsschwankungen. Der Euro kann unter Druck geraten. Das macht unsere Exporte in die USA teurer für die amerikanischen Käufer. Es ist ein komplexes Geflecht, in dem wir uns bewegen. Wir müssen ständig unsere Währungsrisiken absichern, was Kosten verursacht.

Senn: Lassen Sie uns kurz auf die Schweiz eingehen. Die SNB hat ja kürzlich ihre Politik angepasst. Wie wirkt sich die US-Entscheidung auf den Schweizer Franken aus und damit auf Ihre 10% inländischen Geschäfte?

Gast: Der Schweizer Franken profitiert oft von seiner Rolle als Sicherheitshafen. Wenn die US-Notenbank zögert oder die Zinsen hoch hält, während die Welt unsicher ist, fließt Kapital in den Franken. Das macht unsere Exporte in die Schweiz teurer für Ausländer, aber es macht Importe für uns günstiger. Für den inländischen Teil bedeutet das jedoch, dass die Konsumkraft der Schweizer Haushalte gestützt wird. Allerdings sehen wir, dass die Schweizer Unternehmen ebenfalls unter den hohen US-Zinsen leiden, weil sie oft in Dollar finanzieren. Die Kopplung ist enger, als man denkt.

Senn: Sie erwähnten die Energiepreise. Wie sehr sind Sie direkt von den Schwankungen im Nahen-Ost-Raum betroffen? Haben Sie konkrete Verträge oder sind Sie eher indirekt betroffen?

Gast: Wir sind direkt betroffen, Rafael. Unsere Logistik kostet uns mehr. Wenn die Preise für Treibstoff steigen, weil der Konflikt im Nahen Osten andauert, dann schlagen die Kosten bei uns durch. Es ist nicht nur ein psychologischer Effekt. Es sind reale Ausgaben. Und diese Ausgaben sind schwer vorhersehbar. Man kann zwar Hedge-Verträge abschließen, aber die Prämien sind gestiegen. Das frisst an unserer Rentabilität. Es ist eine Last, die wir tragen müssen, solange die geopolitische Lage nicht klarer wird.

Senn: Aber ist die Inflation in den USA nicht eigentlich unter Kontrolle? Die Daten zeigen doch, dass die Teuerungsrate sinkt. Warum also die Sorge vor einer erneuten Eskalation?

Gast: Die Gesamtinflation sinkt, ja. Aber die Kerninflation, das ist der kritische Indikator für die Fed, bleibt hartnäckig. Dienstleistungen, Wohnkosten, das sind Bereiche, die träge reagieren. Und wenn jetzt noch die Energiepreise durch den Nahost-Konflikt nach oben getrieben werden, dann wird dieser Trägheitsmoment gebrochen. Die Fed reagiert auf die Kerninflation, nicht auf die Gesamtinflation. Und die Kerninflation könnte durch die Energiepreise wieder aufsteigen. Das ist das Risiko, das die Fed einkalkuliert.

Senn: Wie sehen Sie die Reaktion der Investoren? Die Märkte scheinen ja recht ruhig zu reagieren, obwohl die Unsicherheit groß ist. Warum keine Panik?

Gast: Die Märkte sind rational, aber auch verwöhnt. Sie gewöhnen sich an die Volatilität. Solange die Fed glaubwürdig bleibt und signalisiert, dass sie die Kontrolle behält, bleibt die Panik aus. Die Investoren wissen, dass die Fed nicht blind handelt. Sie warten auf die Daten. Und die Daten werden durch den Nahost-Konflikt verzerrt. Daher ist die Vorsicht angebracht. Es ist keine Panik, sondern eine vorsichtige Abwartung.

Senn: Und was bedeutet das für Ihre Personalplanung? Bei solchen Unsicherheiten neigen Unternehmen ja dazu, erst einmal zurückzuhalten.

Gast: Das ist richtig. Wir stellen weniger ein. Wir konzentrieren uns auf die Retention unserer bestehenden Mitarbeiter. Die Löhne müssen steigen, um die Inflation auszugleichen, aber wir können nicht unbegrenzt wachsen. Es ist eine knappe Kalkulation. Wir müssen effizienter arbeiten, um die hohen Kosten der Finanzierung und der Energie auszugleichen. Das ist der einzige Weg, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Senn: Gibt es Bereiche, in denen Sie von der hohen Zinspolitik profitieren? Oft wird übersehen, dass auch Sparer von den hohen Zinsen profitieren.

Gast: Das ist ein guter Punkt. Unsere liquiditätsstarken Bereiche profitieren tatsächlich von den hohen Zinsen. Das Geld auf unseren Konten bringt mehr Rendite. Das ist ein kleiner Trost in einer ansonsten schwierigen Lage. Es ist ein Win-Win für die Bilanz, aber ein Lose-Lose für die Investition in neues Wachstum. Wir müssen also kreativ werden, wie wir unsere Liquidität einsetzen.

Senn: Wie sieht der Ausblick für den Rest des Jahres 2026 aus? Werden die Zinsen früher oder später fallen?

Gast: Ich erwarte keine schnellen Zinssenkungen. Solange der Nahost-Konflikt andauert und die Energiepreise volatil bleiben, wird die Fed geduldig bleiben. Vielleicht gegen Ende des Jahres, wenn die Daten klarer sind, könnte eine leichte Entspannung kommen. Aber bis dahin bleibt der Halt der Zinsen bei 3,5% bis 3,75% die wahrscheinlichste Option. Wir müssen uns darauf einstellen, dass die hohen Zinsen länger anhalten werden, als die Märkte hoffen.

Senn: Letzter Punkt. Was raten Sie anderen Unternehmern in Ihrer Situation, die mit ähnlichen Risiken konfrontiert sind?

Gast: Diversifizierung ist das A und O. Nicht nur geografisch, sondern auch bei den Lieferanten und den Finanzierungsquellen. Man darf sich nicht auf eine einzige Quelle verlassen. Und man muss die Kostenstrukturen ständig hinterfragen. Was bringt uns noch Wert? Was ist nur Ballast? In solchen Zeiten wird die Effizienz zum Überlebensfaktor. Wer nicht agil ist, wird von den hohen Kosten und der Unsicherheit eingeholt.

Asien reagiert mit vorsichtiger Liquidität

Während die Märkte in New York noch mit der Ankündigung der Federal Reserve ringen, die die Zinsen bei 3,5% bis 3,75% stabilisiert hat, um einer potenziellen Inflationsspirale durch die Lage im Nahen Osten entgegenzuwirken, zeigt sich in Peking ein ganz anderes Bild. Die chinesische Zentralbank (PBOC) hat in den letzten Tagen ein klares Signal gesetzt, das weit über die bloße Technik der Geldpolitik hinausgeht. Laut Bloomberg-Daten, die in den letzten Tagen aufgetaucht sind, hat die PBOC Netto-9,5 Milliarden Yuan über Sieben-Tages-Reverse-Repos in das System eingespeist, was die höchste Injektion seit Ende März darstellt. Diese Zahl ist nicht nur eine statistische Kuriosität, sondern ein Indiz dafür, wie nervös die asiatischen Finanzmärkte auf die globalen Spannungen reagieren.

Senn: Herr Müller, dieses Vorgehen der PBOC wirkt auf den ersten Blick wie ein klassischer Liquiditätsschub. Ist das nicht genau das, was wir eigentlich nicht brauchen, wenn die USA ihre Zinsen halten, um die Preise im Zaum zu halten?

Gast: Das ist eine berechtigte Sorge, die aber die Dynamik der aktuellen Krise etwas vereinfacht. Die 9,5 Milliarden Yuan sind im Kontext der chinesischen Wirtschaftsgröße zwar spürbar, aber sie sind kein Versuch, die Weltwirtschaft mit billigen Dollar zu fluten. Es geht der PBOC primär darum, die eigenen Banken vor einer plötzlichen Trockenheit zu schützen. Wenn die USA die Zinsen bei 3,5% bis 3,75% halten, wie es die aktuellen Daten der FedWatch-Tools von CME Group andeuten, bleibt der Dollar stark. Das drückt auf die Währungen im globalen Süden, inklusive des Renminbi. Die Chinesen handeln vorsorglich. Sie wissen, dass jeder Schock in den USA oder im Nahen Osten sofort durch die Leitern der globalen Lieferketten nach Asien hallt.

Senn: Und diese Leitern sind gerade besonders brüchig. Wie erklärt sich dann die Stabilität der LPR-Sätze?

Gast: Genau hier liegt das Paradoxon. Die Ein-Jahres-LPR steht weiterhin bei 3,0% und die Fünf-Jahres-LPR bei 3,5%. Die PBOC misst also die Leitzinsen nicht nach, sondern nutzt die Reverse Repos als feine Justierung. Es ist ein Unterschied, ob man den Motor eines Autos neu abstellt oder nur den Motorölstand kontrolliert. Die LPR-Sätze bleiben stabil, um den Kreditmärkten für Unternehmen und Immobilien Planbarkeit zu geben. Wer sich in Shanghai umhört, hört von Investoren, die froh sind, dass die langfristigen Kreditkonditionen nicht ins Wanken geraten. Aber die tägliche Liquidität muss fließen, sonst stockt der Blutkreislauf des Handels.

Senn: Sie erwähnten den starken Dollar. Wie wirkt sich das auf Ihren globalen Mix aus? 60% global, 20% EU, 10% CH.

Gast: Der starke Dollar ist für uns wie ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite verteuert er Importe aus Asien, was unsere Kostenstrukturen belastet. Wir sehen das in unseren Lieferketten für Halbleiter und Elektronik. Auf der anderen Seite profitieren wir von den hohen Renditen in US-Anleihen, die durch den Fed-Halt bei 3,5% bis 3,75% attraktiv bleiben. Allerdings ist das nur eine Illusion der Sicherheit. CNBC berichtet heute, dass die Haltepolitik der Fed zwar die Sparrenditen über der Inflation hält, was für Sparer ein seltener Gewinn ist, aber sie riskiert gleichzeitig Asset-Bubbles. Als Unternehmer spüre ich das eher in den wachsenden Unsicherheiten bei den Rohstoffpreisen.

Senn: Und die Rohstoffpreise? Steigen sie wirklich so stark, wie die Medien es suggerieren?

Gast: Die Medien schreiben viel, aber die Daten liegen auf dem Tisch. Ein andauernder Konflikt im Nahen Osten führt zu persistenten Preiserhöhungen bei Energie, wie Trading Economics in ihren jüngsten Updates betont. Diese höheren Eingangspreise schlagen sich mit Verzögerung, aber mit voller Wucht in die Kerninflation nieder. Für mein Unternehmen bedeutet das, dass wir nicht nur die LPR in China beobachten müssen, sondern auch die geopolitischen Risikoaufschläge. Die 3,0% LPR in China hilft mir wenig, wenn der Ölpreis wegen eines Angriffs auf die Schifffahrtsrouten im Roten Meer um 20% steigt.

Senn: Aber China ist doch ein Netto-Importeur von Energie. Hilft die Liquiditätsinjektion der PBOC dort nicht eher, die eigenen Unternehmen zu schützen, als die globale Nachfrage zu stabilisieren?

Gast: Absolut. Die PBOC handelt egoistisch, aber im Sinne ihrer eigenen Stabilität. Die 9,5 Milliarden Yuan sind ein Tropfen auf den heißen Stein, aber sie signalisieren: Wir lassen unseren Markt nicht austrocknen. Das ist wichtig für uns als europäische und Schweizer Unternehmen, die in Asien produzieren. Wir brauchen verlässliche lokale Finanzpartner. Wenn die chinesischen Banken unter Liquiditätsengpässen leiden, werden sie Kredite nur noch an ihre eigenen Favoriten vergeben. Die Stabilität der LPR bei 3,5% für fünf Jahre gibt uns zumindest eine Basis, um langfristige Verträge zu kalkulieren.

Senn: Sie sprechen von Verträgen. Wie gehen Sie mit der Unsicherheit um, die aus der Fed-Entscheidung resultiert? Die nächste Entscheidung ist ja erst am 29. April.

Gast: Das ist der Punkt, an dem die Geduld der Unternehmen auf die Probe gestellt wird. Die Fed wird die Zinsen wahrscheinlich halten, wie die Wahrscheinlichkeiten bei CME FedWatch nahelegen. Aber die Märkte preisen bereits Änderungen ein. Wer in Zürich in den Vorstandsetagen arbeitet, sieht, wie die CFOs ihre Cash-Reserven aufbauen. Die Erfahrung der letzten zwei Jahre zeigt: Wer jetzt spekuliert, verliert. Wir halten unsere Liquidität bereit, nicht um zu investieren, sondern um zu überleben. Die 3,5% bis 3,75% der Fed sind ein Anker, aber sie sind auch ein Hinweis darauf, dass die Notenbanken keine Wunder wirken können.

Senn: Und was bedeutet das für die Schweiz? Die SNB hat ja auch ihre Politik angepasst.

Gast: Die Schweizerische Nationalbank (SNB) agiert im Schatten der Fed. Wenn die Fed bei 3,5% bis 3,75% bleibt, muss die SNB aufpassen, dass der Franken nicht zu stark wird, was unsere Exporte schädigt, aber auch nicht zu schwach, um die Importinflation zu verschärfen. Die 10% unseres Umsatzes in der Schweiz sind hochgradig sensibel für diese Währungsschwankungen. Wir beobachten die LPR in China und die Fed-Zinsen gleichzeitig. Es ist ein tightrope walking.

Senn: Tightrope walking. Ein schönes Bild. Aber ist es nicht so, dass die chinesische Liquidität genau das Gegenteil bewirkt? Sie puffert den Schock ab.

Gast: Sie puffert den internen Schock ab. Global wirkt sie wie ein Ventil. Wenn China seine Banken stabil hält, kann es seine Importe aus Europa und der Schweiz aufrechterhalten. Ohne diese Liquidität würde China seine Exporte drosseln, um Devisen zu sparen. Das würde unsere 20% EU-Umsatz und die 60% globalen Verkäufe massiv treffen. Die 9,5 Milliarden Yuan sind also indirekt auch für uns relevant. Sie sind der Klebstoff, der die globalen Handelsströme in einer Zeit der Unsicherheit zusammenhält.

Senn: Sie sagen, es ist der Klebstoff. Klingt nach etwas Brüchigem.

Gast: Genau. Klebstoff kann reißen. Wenn die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten eskalieren, reicht diese kleine Injektion nicht mehr. Dann müssen die Zentralbanken radikaler eingreifen. Die Fed hat mit ihrem Halt bei 3,5% bis 3,75% bereits gezeigt, dass sie das Risiko einer stagflationären Spirale fürchtet. China zeigt mit seinen Reverse Repos, dass es das Risiko eines Kreditzusammenbruchs fürchtet. Beide Seiten versuchen, das Schlimmste zu vermeiden, ohne die andere Seite zu sehr zu provozieren.

Senn: Und wir als Unternehmer? Was nehmen wir daraus mit?

Gast: Wir nehmen mit, dass die Welt komplexer wird. Die einfachen Zusammenhänge zwischen Zinsen und Wachstum gelten nicht mehr linear. Die LPR in China steht bei 3,0%, die Fed-Zinsen bei 3,5% bis 3,75%, und doch fühlen wir uns alle unsicherer. Wir müssen unsere Lieferketten diversifizieren, unsere Liquidität maximieren und unsere Abhängigkeit von einzelnen Regionen, wie China oder den USA, minimieren. Die 9,5 Milliarden Yuan der PBOC sind ein Warnsignal: Die Stabilität ist nur oberflächlich. Im Kern brodelt es.

Senn: Ein deutliches Wort. Schließen wir mit einem Ausblick. Bleibt die PBOC so vorsichtig?

Gast: Die PBOC wird vorsichtig bleiben, solange die LPR bei 3,5% für fünf Jahre stabil ist. Sie wird die Liquidität dosieren, wie sie es jetzt mit den Reverse Repos tut. Aber wir sollten nicht vergessen, dass die Fed ihre Entscheidung am 29. April treffen wird. Und die SNB wird reagieren. Die Asien-Strategie ist nur ein Teil des Puzzles. Das ganze Bild ist in Bewegung.

Globale Märkte warten auf April-Entscheidung

Die Stille vor dem Sturm ist trügerisch, denn während wir hier in Zürich noch über die Feinheiten der letzten Fed-Pause diskutieren, hat sich das Blatt an den globalen Finanzmärkten in den letzten Stunden deutlich gewendet. Laut CNBC wurde bereits vor einem Tag klar, dass die Markterwartungen sich auf die entscheidende Sitzung am 29. April konzentrieren, wobei die Unsicherheit über die langfristigen Inflationspfade durch die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten die Anleger nervös macht. Diese Nervosität ist nicht unbegründet, denn die Fed hat ihre Zinsen zwar bei 3,5% bis 3,75% gehalten, doch die Frage ist, wie lange diese Stabilität anhält, wenn die Energiepreise durch den Konflikt weiter steigen.

Senn: Herr Weber, Sie haben gerade die geopolitische Komponente angesprochen. Wie viel Gewicht messen Sie diesen Meldungen aus den USA bei, wenn Sie die Geldpolitik der Fed betrachten? Ich meine, die Zinsen sind ja jetzt schon seit Monaten stabil.

Gast: Das ist die entscheidende Nuance, Herr Senn. Die Stabilität der Zinsen ist aktuell noch eine Stabilität der Unsicherheit. Die Fed hat zwar die Raten nicht angehoben, aber sie hat auch nicht gesenkt, und das aus gutem Grund. Wenn wir uns die aktuellen Daten der Federal Reserve ansehen, dann bleibt der Zielkorridor bei 3,5% bis 3,75%. Das klingt für den Durchschnittsbürger vielleicht nach viel Geld, aber für unsere globale Lieferkette, die ja zu 60% international aufgestellt ist, bedeutet das immense Planungssicherheit oder eben -unsicherheit. Die Fed sitzt da auf dem Zaun. Sie wollen die Inflation nicht wieder anheizen, aber sie wollen die Wirtschaft auch nicht abwürgen. Es ist ein Balanceakt, der gerade jetzt, wo die Nachrichten aus dem Nahen Osten die Ölpreise treiben, extrem heikel ist.

Senn: Und wie reagiert der Markt darauf? Ich habe im Internet gelesen, dass die CME FedWatch-Tool-Daten hier eine große Rolle spielen. Was sagen die Futures-Preise für die nächste Woche aus?

Gast: Die CME FedWatch-Daten sind eigentlich der Kompass für jeden, der in Dollar-assets investiert. Diese Tools basieren auf den 30-Tage-Fed-Funds-Futures-Preisen und zeigen uns quasi in Echtzeit, was die großen Player erwarten. Und was sagen sie? Sie sagen, dass die Wahrscheinlichkeit eines Halts bei der Sitzung am 29. April extrem hoch ist. Man spricht hier von Wahrscheinlichkeiten von über 90 Prozent für einen Halt. Aber Vorsicht, Herr Senn. Diese hohen Wahrscheinlichkeiten sind oft ein Indikator für die Angst der Märkte vor einer unerwarteten Wende. Wenn die Fed dann doch nur andeutet, dass ein Schnitt im Sommer möglich sein könnte, dann reicht das oft aus, um die Märkte in Bewegung zu setzen. Die Investoren warten nicht nur auf die Zahl, sie warten auf die Tonalität.

Senn: Tonalität. Das ist ein interessantes Wort. Meinen Sie damit die Pressekonferenz nach der Entscheidung?

Gast: Ganz genau. Die Zahl selbst, also ob es 3,50% oder 3,50% plus Null sind, ist für die Märkte oft schon eingepreist. Viel wichtiger ist, was Jerome Powell und seine Kollegen sagen. Wenn sie betonen, dass die Inflation hartnäckig bleibt wegen der Energiekosten, dann müssen wir mit höheren Zinsen länger rechnen. Wenn sie aber besorgt über das Wirtschaftswachstum sind, dann könnte das ein Signal für eine Lockerung sein. Und das ist genau das Dilemma. Die Fed muss entscheiden, ob sie die Inflation bekämpft oder die Wirtschaft stützt. Aktuell scheint sie beides tun zu wollen, was in der Praxis kaum möglich ist.

Senn: Sie erwähnten die Inflation. In der Schweiz und der EU spüren wir das ja auch. Wie wirkt sich das auf unsere Kostenstruktur aus?

Gast: Das ist der Punkt, den viele übersehen. Die US-Zinsen wirken wie ein Tsunami auf die globale Liquidität. Auch wenn die SNB hier in der Schweiz eigene Wege geht, sind die Kapitalströme global. Wenn die Fed die Zinsen bei 3,5% bis 3,75% hält, bleibt der Dollar stark. Das bedeutet für uns, dass Importe aus den USA teurer werden. Und da wir zu 60% global agieren, treffen uns diese Kosten direkt. Hinzu kommt, dass die Energiepreise, die durch den Konflikt im Nahenosten getrieben werden, sich auf die Rohstoffpreise auswirken. Die Fed hat das in ihren Prognosen im Blick. Sie wissen, dass eine längere Konfliktdauer zu persistenteren Preiserhöhungen bei Energie führt, und diese Kosten werden an die Verbraucher weitergegeben.

Senn: Also ist die Inflation in den USA noch nicht besiegt?

Gast: Nein, das ist sie nicht. Im Gegenteil. Die Fed lässt die Raten jetzt erst mal stehen, um zu sehen, ob die Inflation von selbst fällt. Es ist eine Strategie des Abwartens. Aber wie Sie wissen, sind die Märkte ungeduldig. Die CME-Futures zeigen, dass die Spekulation auf einen Zinsschnitt im Sommer oder Herbst zunimmt. Aber ist das realistisch? Wenn die Inflation, gemessen am Core-CPI, weiter oben bleibt, wird die Fed das nicht durchgehen lassen. Sie hat in der Vergangenheit gezeigt, dass sie nicht zimperlich ist.

Senn: Und was bedeutet das für unsere Investitionsstrategie? Sollen wir vorsichtig sein?

Gast: Vorsichtig ist das falsche Wort. Selektiv. Die Märkte reagieren sehr empfindlich auf die Fed-Entscheidung am 29. April. Wer jetzt wetten will, dass die Fed einen Fehler macht, indem sie zu lange wartet, riskiert viel. Wer aber glaubt, dass die Fed klug ist und die Zeit braucht, um die Inflation endgültig zu besiegen, der kann positionieren. Aber ich würde sagen: Beobachten Sie die Volatilität. Die CME-Daten zeigen, dass die Unsicherheit steigt. Das bedeutet, dass die Preise für Optionen und andere Absicherungsinstrumente teurer werden.

Senn: Teurer? Also wird es schwieriger, sich abzusichern?

Gast: Ja, genau. Die Kosten für den Schutz steigen. Das ist ein indirekter Hinweis darauf, dass die Märkte nervös sind. Und warum sind sie nervös? Weil sie wissen, dass die Fed in einer Zwickmühle sitzt. Sie kann nicht senken, ohne die Inflation zu riskieren. Sie kann nicht heben, ohne das Wachstum zu riskieren. Und genau diese Zwickmühle spüren wir in der realen Wirtschaft. Die Finanzierungskosten bleiben hoch, die Margen sind unter Druck.

Senn: Und wie sieht es mit der chinesischen Zentralbank aus? Die hat ja auch in den letzten Tagen Liquidität injiziert.

Gast: Das ist ein interessantes Gegenstück. Die People’s Bank of China hat kürzlich 9,5 Milliarden Yuan über Reverse Repos injiziert. Das zeigt, dass die Welt nicht im Gleichschritt tickt. Während die Fed abwartet, pumpen andere Zentralbanken Liquidität in ihre Märkte, um das Wachstum zu stützen. Das schafft aber auch Divergenzen. Wenn China lockert und die Fed haltet, dann zieht das Kapital in Richtung Dollar. Das stärkt den Dollar weiter, was für uns in der Schweiz und Europa problematisch sein kann, weil es unsere Exporte verteuert.

Senn: Also eine Art Paradoxon. Die Fed hilft der US-Wirtschaft, indem sie stabil bleibt, aber schadet den globalen Partnern?

Gast: Nicht unbedingt schaden, aber es erzeugt Spannungen. Die globale Wirtschaft ist vernetzt. Was in Washington passiert, hat Auswirkungen in Shanghai, Frankfurt und Zürich. Die Fed muss das wissen. Aber ihre Mandate ist primär die US-Wirtschaft. Das bedeutet, dass sie externe Schocks, wie den Konflikt im Nahen Osten, nur begrenzt berücksichtigen kann. Sie kann nicht einfach die Zinsen senken, nur weil die Ölpreise steigen. Das würde die Inflationserwartungen anheizen.

Senn: Und was ist mit den Spareraten? Die CNBC meldete, dass diese immer noch über der Inflation liegen.

Gast: Ja, das ist eine der wenigen positiven Seiten dieser Politik. Solange die Fed die Zinsen bei 3,5% bis 3,75% hält, können Sparer in den USA und global immer noch vernünftige Renditen erzielen. Das ist selten. In den letzten Jahren war das nicht der Fall. Aber diese Renditen sind auch ein Indiz dafür, dass die Fed die Inflation im Griff hat. Wenn die Renditen sinken, dann würden die Sparer ihr Geld aus den Banken ziehen und in risikoreichere Assets stecken. Das würde die Märkte überhitzen.

Senn: Also muss die Fed die Zinsen hoch halten, um die Märkte kühl zu halten?

Gast: Im Wesentlichen ja. Es ist eine Art psychologisches Spiel. Die Fed muss glaubwürdig bleiben. Und Glaubwürdigkeit entsteht durch Handlungen, nicht durch Worte. Die Entscheidung am 29. April wird also nicht nur eine Zinsentscheidung sein. Sie wird ein Signal an die Welt sein, dass die Fed die Kontrolle hat. Oder dass sie die Kontrolle verliert.

Senn: Das klingt nach einer extremen Zuspitzung.

Gast: Nicht übertrieben. Schauen Sie sich die CME-Futures an. Die Märkte preisen die Wahrscheinlichkeiten ein. Aber die Märkte können auch falsch liegen. Wenn die Fed überrascht, dann wird die Volatilität explodieren. Und das betrifft nicht nur die Finanzmärkte, sondern auch unsere realen Geschäfte. Die Währungskurse werden schwanken, die Rohstoffpreise werden sich anpassen.

Senn: Und wie bereiten Sie sich darauf vor?

Gast: Indem ich die Signale lese. Ich schaue nicht nur auf die Zinsen, sondern auch auf die Inflationsdaten, die Arbeitsmarktzahlen und die geopolitischen Entwicklungen. Die Fed agiert nicht im Vakuum. Sie reagiert auf die Welt. Und die Welt ist gerade sehr turbulent.

Senn: Also bleibt die Fed abwartend?

Gast: Für den Moment ja. Aber abwarten ist keine passive Tätigkeit. Es ist eine aktive Entscheidung, die Zeit zu nutzen, um die Lage zu klären. Und wenn die Fed am 29. April spricht, dann wird sie klarstellen, wie lange sie abwarten will. Und das ist die eigentliche Frage.

Senn: Wie lange kann die Fed abwarten?

Gast: So lange, wie die Inflation im Zaum bleibt. Aber wenn die Inflation wieder aufsteigt, dann wird die Fed handeln. Und das könnte schneller geschehen, als die Märkte erwarten. Die CME-Futures zeigen zwar hohe Wahrscheinlichkeiten für einen Halt, aber sie zeigen auch eine steigende Unsicherheit. Und in der Welt der Zentralbanken ist Unsicherheit der größte Feind.

Senn: Dann hoffen wir mal, dass Powell klar redet.

Gast: Das wäre ein Wunder. Aber wir können es nur beobachten. Die Märkte werden es uns sofort sagen, ob seine Worte verstanden wurden oder nicht. Und das werden

Europäischer Druck auf die EZB

Während die US-Notenbank am vergangenen Mittwoch ihre Zinsentscheidung bekannt gab und die Märkte mit der Fortsetzung der Pause einverstanden zeigten, zeigt sich in Brüssel ein deutlich angespannteres Bild. Die Europäische Zentralbank steht nicht nur vor der gleichen globalen Unsicherheit, die auch Washington im Griff hat, sondern muss zudem mit strukturellen Inflationsschüben umgehen, die durch die anhaltenden Spannungen im Nahen Osten weiter angeheizt werden. Diese Entwicklung wird durch Berichte aus den letzten Tagen befeuert, die darauf hindeuten, dass die Energiepreise in der Eurozone zwar volatil bleiben, aber die zugrundeliegenden Kosten für die Industrie weiter steigen. Die Diskrepanz zwischen der vorsichtigen Pause der Fed und der aggressiveren Inflationsbekämpfung in Europa zwingt europäische Unternehmer wie meinen Gesprächspartner zu einem nervösen Abwarten.

Senn: Herr Müller, Sie haben gerade die amerikanische Pausenentscheidung erwähnt. Wie wirkt sich das konkret auf Ihre Geschäfte aus, wenn die Fed bei 3,5% bis 3,75% verharrt, die EZB aber unter anderem Druck leidet?

Gast: Das ist der entscheidende Punkt. Die Fed hat ihre Politik klar definiert, und das gibt uns im globalen Kontext zumindest eine Orientierung. Aber schauen Sie sich die EZB an. Die Inflationsgefahren durch den Nahost-Konflikt sind hier viel direkter spürbar. Wenn die Ölpreise durch die geopolitischen Spannungen klettern, dann trifft das unsere Produktionskosten in Europa viel härter als in den USA, wo wir oft langfristige Lieferverträge haben. Wir leiden unter ähnlichen Inflationsgefahren, doch während die Fed abwarten kann, weil ihr Arbeitsmarkt noch robust ist, drückt hier die Energiekrise auf die Margen.

Senn: Bedeutet das nicht, dass die EZB ebenfalls zögern müsste? Schließlich ist die globale Nachfrage doch auch eingebrochen, oder täusche ich mich da?

Gast: Das wäre die theoretische Logik, ja. In der Praxis sieht es aber anders aus. Die EZB hat das Risiko, dass sich die Inflationseffekte verfestigen. Ich habe vor Kurzem mit einem Kollegen aus der deutschen Chemiebranche gesprochen, der mir sagte, dass die Vorlaufzeiten für Rohstoffe, die aus konfliktnahen Regionen stammen, sich verdoppelt haben. Das bedeutet höhere Lagerkosten. Wenn die EZB jetzt zu früh senkt, riskiert sie eine zweite Welle der Inflation. Und das wollen wir alle vermeiden.

Senn: Aber die europäische Wirtschaft wächst doch kaum noch. Ist das nicht ein Widerspruch? Eine restriktive Politik bei gleichzeitig stagnierender Konjunktur?

Gast: Ein perfekter Widerspruch, den wir täglich bezahlen müssen. Die Unternehmen hier sind unter enormem Druck. 60% unserer Lieferketten sind global vernetzt. Wenn dort die Knoten platzen, wie im Moment durch die Spannungen im Nahen Osten, dann können wir das nicht einfach ignorieren. Die EZB muss den Spagat schaffen zwischen Preisstabilität und Wirtschaftswachstum. Und das ist, freilich, ein sehr schmaler Grat.

Senn: Wie bewerten Sie die Wahrscheinlichkeit, dass die EZB im April oder Mai eine Zinssenkung ankündigt? Die Märkte haben doch starke Erwartungen.

Gast: Die Erwartungen der Märkte sind oft viel zu optimistisch. Ich verfolge die Daten genau. Die Inflation in der Eurozone ist zwar rückläufig, aber der Kerninflationsindikator bleibt hartnäckig hoch. Das liegt an den Dienstleistungen und an den Lohnkosten. Eine Zinssenkung jetzt wäre politisch falsch. Die EZB-Präsidentin Lagarde hat das klar gesagt. Sie wird warten, bis die Daten eindeutig sind. Und das wird Zeit brauchen.

Senn: Was bedeutet das für Ihre Finanzierungspläne? Sie haben doch im letzten Quartal noch neue Kredite aufgenommen.

Gast: Das war ein riskantes Manöver, muss ich zugeben. Wir haben auf eine schnelle Normalisierung gesetzt. Jetzt, wo die Zinsen so lange hoch bleiben, spüren wir die Last. Die Zinskosten haben sich merklich erhöht. Das drückt direkt auf unsere Investitionsfähigkeit. Wir müssen Projekte verschieben, weil die Renditeerwartungen nicht mehr stimmen. Es ist frustrierend, weil die Nachfrage da wäre, aber das Geld fehlt oder wird zu teuer.

Senn: Fühlt sich das an wie ein Abwärtsspirale? Hohe Zinsen, geringere Investition, schwächere Wirtschaft, aber immer noch hohe Inflation?

Gast: Genau das befürchte ich. Und der Nahost-Konflikt ist da wie ein Katalysator. Jedes neue Eskalationsrisiko treibt die Rohstoffpreise in die Höhe. Das untergräbt jede Bemühung der Zentralbanken. Die EZB steht unter einem besonderen Druck, weil die Energieabhängigkeit in Europa immer noch höher ist als in den USA. Wir importieren viel zu viel Energie. Das ist ein strategischer Fehler, den wir jetzt bezahlen.

Senn: Gibt es keine Entlastung durch andere Märkte? Sie haben doch auch 20% Ihrer Geschäfte in der EU.

Gast: Die EU-Märkte sind der Hauptgrund für meine Sorge. Wenn es hier klemmt, dann klemmt es bei mir. Die 20% sind zwar nicht das Gros, aber sie sind stabil. Das Problem ist, dass die europäische Industrie kaum noch wettbewerbsfähig ist im Vergleich zu den USA oder Asien, wo die Energie günstiger ist. Die EZB kann das nicht lösen. Sie kann nur die Zinsen anheben, was es aber noch schlimmer macht. Es ist ein Dilemma ohne echten Ausweg.

Senn: Wie gehen Sie mit dieser Unsicherheit um? Haben Sie Hedge-Strategien eingeführt?

Gast: Wir haben Devisenhedges, das ist klar. Aber Zinsderivat-Produkte werden immer teurer, weil die Volatilität so hoch ist. Die Banken verlangen höhere Prämien. Das frisst unsere Marge weiter auf. Wir versuchen, die Kosten an die Kunden weiterzugeben, aber das geht nur begrenzt. Die Kunden sind preissensitiv. Wenn wir zu stark erhöhen, verlieren wir Marktanteile. Wenn wir es nicht tun, leiden wir unter der Inflation. Ein klassisches Dilemma.

Senn: Sehen Sie Parallelen zur Situation der Fed? Die Fed hat ja auch mit Inflationsrisiken zu kämpfen, trotz der Pause.

Gast: Die Parallelen sind da, aber die Ursachen sind unterschiedlich. Die Fed kämpft mit einem heißen Arbeitsmarkt. Wir kämpfen mit einer angebotsseitigen Krise durch Energie und Logistik. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Die Fed kann warten, weil die Nachfrage noch da ist. Wir können es uns kaum leisten, weil die Kostenstruktur gespreizt ist. Wenn die EZB jetzt zögert, riskiert sie, dass sich die Inflationserwartungen verankern. Das wäre katastrophal.

Senn: Was sagen denn Ihre Kollegen in der Branche? Gibt es einen Konsens, wie die nächsten Monate aussehen?

Gast: Der Konsens ist: Abwarten und Tee trinken. Aber Tee ist in Europa gerade auch teuer. Die Stimmung ist gedrückter als in den USA. In den USA sieht man mehr Optimismus, weil die Zinsen dort vielleicht schon ihren Höhepunkt erreicht haben. Hier in Europa fühlen wir uns im Stich gelassen. Die EZB reagiert zu langsam auf die geopolitischen Realitäten.

Senn: Wäre eine Koordinierung mit der Fed hilfreich? Oder würde das die Probleme nur verschärfen?

Gast: Eine Koordinierung wäre wünschenswert, aber unrealistisch. Die Fed denkt in amerikanischen Kategorien. Die EZB muss die gesamte Eurozone berücksichtigen, die sehr heterogen ist. Ein Land wie Deutschland leidet mehr unter hohen Zinsen als ein Land wie Spanien mit niedrigerer Staatsverschuldung. Das macht eine einheitliche Politik so schwierig. Wir sind gezwungen, unter demselben Dach zu leben, aber die Bedingungen sind völlig unterschiedlich.

Senn: Wie bewerten Sie die Aussicht auf April? Wird die EZB dort Signalgeber geben?

Gast: Ich erwarte keine überraschenden Signale. Die EZB wird weiter auf Daten basieren. Und die Daten sind aktuell widersprüchlich. Die Inflation sinkt, aber die Lohnkosten steigen. Die EZB wird warten, bis diese Diskrepanz sich auflöst. Das könnte bis zum Sommer dauern. In der Zwischenzeit müssen wir uns anpassen. Das bedeutet: Kosten senken, Effizienz steigern, und hoffen, dass der Nahost-Konflikt nicht eskaliert.

Senn: Was ist Ihr größtes Risiko in den nächsten sechs Monaten?

Gast: Das größte Risiko ist ein Schock von außen. Ein neuer Konflikt, der die Ölpreise in die Höhe treibt. Oder eine Unterbrechung der Lieferketten. Bei der aktuellen Zinslage hätten wir keine Reserven. Wir sind bis auf die Haut exponiert. Die Fed hat Puffer. Wir nicht. Das ist die harte Realität für europäische Unternehmen in dieser Phase.

Schweizer Exporteure im globalen Schatten

Erst vor wenigen Stunden wurde die Wahrscheinlichkeit für einen Zinsstopp bei der US-Notenbank weiter bestätigt, was die Märkte kurzzeitig beruhigte. Diese Woche zeigt sich jedoch, dass die Unsicherheit über die langfristigen Folgen dieser Politik für europäische und schweizerische Unternehmen keineswegs gebannt ist. Während die Fed die Zinsen bei 3,5% bis 3,75% lässt, versuchen wir als Unternehmen, die eigenen Kostenstrukturen im Griff zu behalten. Das ist ein Balanceakt, der jeden Tag aufs Neue geprüft werden muss.

Senn: Herr Müller, Ihre Firma ist zu 60% global aufgestellt. Wie spüren Sie diesen Fed-Halt konkret in Ihrer Buchhaltung?

Gast: Das ist ein sehr praktisches Problem. Wenn die Fed die Zinsen nicht senkt, bleibt der Dollar stark. Das klingt für viele zunächst gut, weil unsere Exporte in den USA dann teurer werden, wir aber auch höhere Preise verlangen können. In der Realität ist es jedoch komplexer. Unsere Rohstoffe, etwa spezielle Halbleiter oder Seltene Erden, werden oft in Dollar abgerechnet. Solange die Zinsen dort oben bleiben, stützt sich der Dollar weiter. Das bedeutet für uns: Wir müssen mehr Franken aufwenden, um die gleichen Input-Kosten zu decken. Es ist eben so, dass die Zinspolitik der USA direkt unsere Margin drückt, auch wenn wir in Europa oder der Schweiz verkaufen.

Senn: Heißt das, Sie leiden unter der “Nicht-Entscheidung”?

Gast: Nicht nur unter der Nicht-Entscheidung, sondern unter der Volatilität, die sie erzeugt. Laut aktuellen Marktdaten von der FedWatch-Tool ist die Unsicherheit darüber, wann die Zinsen sinken, enorm. Für uns als Unternehmen bedeutet das, dass wir keine langfristigen Hedge-Strategien aufbauen können. Wir wissen nicht, ob der Dollar im Herbst stärker oder schwächer wird. Das zwingt uns zu kurzfristigen Absicherungen, die teuer sind. In den letzten zwei Jahren haben wir gelernt, dass Geduld ein Luxus ist, den wir uns kaum leisten können.

Senn: Und wie verhält sich das im Vergleich zu Ihrer europäischen Sparte?

Gast: Dort ist die Lage anders, aber nicht besser. Die EZB steht unter enormem Druck. Wenn die EZB die Zinsen früher senkt als die Fed, könnte der Euro gegenüber dem Franken fallen. Das wäre gut für unsere Exporte nach Asien, aber schlecht für unsere Importe aus den USA. Wir haben also ein Ungleichgewicht. Unsere 20% europäische Tätigkeit profitiert vielleicht von einem schwächeren Euro, aber die 60% globale Tätigkeit leidet unter dem starken Dollar. Es ist diese Zerrissenheit, die CFOs nachts wach hält.

Senn: Sie erwähnten die Rohstoffkosten. Ist das Ihr größtes Risiko?

Gast: Absolut. Die Energiepreise sind ein weiterer Faktor. Ein prolongierter Konflikt im Nahen Osten könnte zu anhaltenden Preisanstiegen führen. Diese Kosten würden sich dann durch die gesamte Lieferkette ziehen. Wenn die Fed die Zinsen hoch hält, um die Inflation im Zaum zu halten, bedeutet das indirekt, dass wir mit höheren Kosten rechnen müssen. Die Banken leihen uns Geld teuer, und die Rohstoffe werden teurer. Das ist eine Doppelbelastung.

Senn: Wie reagieren Sie operativ darauf?

Gast: Wir diversifizieren unsere Lieferketten. Das klingt nach einem Modewort, ist aber für uns überlebenswichtig. Wir suchen nach Alternativen zu US-Lieferanten, auch wenn das bedeutet, dass wir lokal in Asien oder sogar in Osteuropa einkaufen müssen. Das ist teurer in der Anschaffung, aber weniger volatil in der Währung. Wir akzeptieren höhere operative Kosten, um Währungsrisiken zu minimieren.

Senn: Aber ist das nicht nur ein kurzfristiger Flickenteppich?

Gast: Es ist der einzige Weg, der funktioniert. Langfristige Verträge in Dollar zu fixieren, ist riskant, wenn die Zinsen sich plötzlich drehen. Wir bevorzugen flexible Arrangements. Das erfordert mehr Arbeit, mehr Verhandlungen, aber es gibt uns zumindest ein Gefühl von Kontrolle. Wer sich in Zürcher Büros umhört, merkt schnell, dass die Unternehmen, die hier überleben, diejenigen sind, die ihre Währungsrisiken aktiv managen, statt darauf zu hoffen, dass die Fed etwas tut.

Senn: Was sagen Ihre Banken dazu?

Gast: Die Banken sind vorsichtig. Sie erhöhen die Margins für Währungshedging, weil die Unsicherheit hoch ist. Laut den jüngsten Daten der Federal Reserve Bank of St. Louis sind die Zinsen stabil, aber die Märkte reagieren empfindlich auf jede Nachricht. Das macht die Banken nervös. Sie wollen nicht zu viel Risiko übernehmen. Das bedeutet für uns, dass wir selbst mehr Kapital binden müssen, um unsere Positionen abzusichern.

Senn: Gibt es Bereiche, die Sie entlasten?

Gast: Ja, unsere Inlandsverkäufe. Die 10% unserer Tätigkeit in der Schweiz profitieren von der Stabilität des Franken. Der Schweizerische Nationalbank hat zwar keine direkten Zinsentscheide in der gleichen Weise wie die Fed, aber die Stabilität des Franken als Safe-Haven-Währung hilft uns indirekt. Wenn das globale Risiko steigt, fließt Kapital in den Franken. Das macht unsere Importe aus dem Ausland teurer, aber unsere Position als Schweizer Unternehmen stabiler.

Senn: Wie schätzen Sie die Zukunft ein?

Gast: Kurzfristig bleibt es schwierig. Die nächste Fed-Entscheidung am 29. April wird entscheidend sein. Wenn die Fed die Zinsen hält, bleibt der Dollar stark. Wenn sie senkt, könnte der Dollar fallen, was unsere Kosten senken würde. Aber wir können nicht auf das Warten setzen. Wir müssen jetzt handeln.

Senn: Was raten Sie anderen Exporteuren?

Gast: Diversifizieren und hedgen. Nicht auf eine Währung setzen. Und vor allem: Die eigene Marge im Blick behalten. Viele vergessen, dass die Zinsen der Fed auch die Kosten für unsere Kredite beeinflussen. Solange die Zinsen hoch sind, sind unsere Finanzierungskosten hoch. Das frisst die Gewinne, selbst wenn die Umsätze gut sind.

Senn: Ist das ein generelles Problem für die Schweiz?

Gast: Ja, aber es trifft exportorientierte Unternehmen härter. Die Schweiz ist zu stark auf den Export angewiesen. Wenn die globale Nachfrage nachlässt, oder wenn die Währungen sich unvorhersehbar entwickeln, sind wir verwundbar. Wir brauchen klare Regeln und stabile Daten, um uns orientieren zu können. Was die Fed tut, bestimmt maßgeblich unsere Zukunft.

Senn: Danke für das Gespräch.

Gast: Gerne.

Sparer profitieren von stabilen Renditen

Während sich die Märkte seit wenigen Tagen in einer Art heldenhaftem Stillstand vor der kommenden Fed-Entscheidung am 29. April befinden, zeichnen sich an den Schaltern der Banken bereits ganz andere Muster ab. Laut einer aktuellen Analyse von CNBC, die vor nur einem Tag veröffentlicht wurde, hat die Entscheidung der US-Notenbank, die Leitzinsen im Zielkorridor von 3,5 bis 3,75 Prozent unverändert zu lassen, einen seltene Effekt: Die Sparzinsen liegen weiterhin deutlich über der gemessenen Inflationsrate. Das ist eine Konstellation, die in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte fast schon als historisches Kuriosum gelten kann, doch für die betroffenen Anleger hat sie eine sehr reale Währung.

Senn: Herr Müller, lassen Sie uns diesen Punkt genau aufschneiden. Wir hören ständig von Experten, die vor einer stagnierenden Wirtschaft warnen, doch für den kleinen Sparer in der Schweiz scheint die aktuelle Zinspolitik der Fed fast wie ein Geschenk. Ist das wirklich so eindeutig positiv, oder übersehen wir dabei die anderen Seiten der Medaille?

Gast: Das ist genau der Punkt, der in der öffentlichen Debatte oft untergeht. Ja, es ist positiv. Wenn die Fed die Zinsen stabil hält, während die Inflation durch die Energiepreisschocks im Nahen Osten, wie in den Berichten der letzten Stunden angedeutet, hartnäckig bleibt, dann profitieren die Gläubiger von den Schuldnern. Ein Sparer, der sein Geld auf einem Tagesgeldkonto oder in kurzfristigen Staatsanleihen parkt, sieht heute noch eine reale Rendite. Das war vor zehn Jahren undenkbar. Doch Vorsicht: Es ist ein relativistischer Gewinn.

Senn: Relativistisch? Meinen Sie damit, dass der nominelle Gewinn zwar da ist, aber die Kaufkraft trotzdem schwindet?

Gast: Nicht unbedingt. In diesem spezifischen Moment ist die nominelle Rendite oft höher als die aktuelle Inflationsrate. Das ist das “rare win”, von dem die US-Presse spricht. Aber ich muss hier einhaken: Diese Situation ist extrem fragil. Sie basiert auf der Annahme, dass die Zinsen nicht fallen. Sinkt die Fed morgen, oder schon in der nächsten Sitzung im April, weil die Arbeitsmarktdaten schwächeln, dann stürzt dieser Vorteil schlagartig weg. Es ist, als würde man auf einem schmalen Grat balancieren.

Senn: Und wie wirkt sich das auf Ihre globale Portfolio-Allokation aus? Sie haben ja erwähnt, dass 60 Prozent Ihrer Geschäfte global sind. Haben US-amerikanische oder europäische Banken diese “Stabilität” bereits an die Kunden weitergegeben?

Gast: Die Übertragung ist träge. In den USA sehen wir, dass die großen Banken die Zinsen für Sichteinlagen noch zögerlich anpassen. Die Margen sind ihnen wichtiger als der Kundennachhalt. In Europa ist die Lage anders. Dort drückt der Euro, der unter dem Druck der schwächeren Exporteure steht, auf die Margen. Aber ja, wer in Europa Festgeldabschlüsse für drei Monate sucht, findet immer noch Raten von rund 3,5 bis 4 Prozent. Das ist knapp über der Eurozone-Inflation, die sich laut jüngsten Daten der EZB bei etwa 2,6 bis 2,8 Prozent einpendelt. Also: Ja, es gibt einen realen Gewinn. Aber er schmilzt mit jedem Monat, in dem die Zentralbanken zögern.

Senn: Zögern ist das Stichwort. Sie haben die Fed erwähnt. Die nächste Entscheidung steht am 29. April an. Die Märkte preisen bereits eine gewisse Wahrscheinlichkeit für eine Senkung ein, was Sie oben als Risiko für die Sparer benannt haben. Wie schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass die Fed trotz der inflationsfördernden Effekte des Nahost-Konflikts doch senkt?

Gast: Das ist die große Frage. Die Daten der letzten Tage, insbesondere die Berichte über die Liquiditätsinjektionen der chinesischen Notenbank (PBOC) und die vorsichtige Haltung in Asien, zeigen, dass die Weltwirtschaft unter Druck steht. Die PBOC hat in den letzten Tagen massiv Cash in das System gepumpt. Das signalisiert Angst vor einem Zusammenbruch der Binnennachfrage in China. Wenn China niest, erkranken die globalen Lieferketten. Die Fed muss diesen Konflikt lösen: Inflationsbekämpfung versus Wachstumsstützung. Ich tippe auf einen weiteren Halt, aber nur aus purem Respekt vor der Unsicherheit, nicht aus Überzeugung.

Senn: Also bleibt die Win-Situation für Sparer bestehen?

Gast: Für die nächsten vier Wochen ja. Aber lassen Sie uns einen Schritt zurücktreten und das größere Bild betrachten. Die niedrigen Renditen, die wir in den vorherigen zehn Jahren hatten, haben Asset-Bubbles in den Immobilienmärkten und bei Aktien erzeugt. Jetzt, da die Zinsen wieder “normal” sind, also 3,5 Prozent, werden diese Blasen langsam geplatzt. Oder sie platzen erst jetzt. Sparer profitieren, ja, aber sie profitieren von einem System, das gerade dabei ist, sich zu korrigieren. Das ist kein Dauerzustand.

Senn: Sie sprechen von Blasen. Ist das nicht ein Widerspruch? Hohe Zinsen sollten doch eigentlich Blasen stopfen, indem sie das billige Geld verteuern?

Gast: Das ist die klassische Theorie. Aber wir leben in einer Welt mit riesigen Zentralbank-Bilanzen und staatlichen Defiziten. Die Blasen sind nicht durch “billiges Geld” im herkömmlichen Sinne entstanden, sondern durch das Vertrauen in ewig niedrige Realzinsen. Jetzt, da die Realzinsen positiv werden, wird dieses Vertrauen erschüttert. Sparer, die in sichere Staatsanleihen der USA oder Deutschlands investieren, bekommen heute Zinsen, die die Inflation decken. Das ist gut für sie. Aber es bedeutet, dass Immobilien-Preise, die auf billiger Finanzierung basieren, unter Druck geraten. Also: Sparer gewinnen, Immobilienkäufer verlieren. Das ist die Verteilungswirkung.

Senn: Verteilungswirkung. Das ist ein harter Begriff. Wer verliert denn konkret in Ihrer Schweiz?

Gast: In der Schweiz ist die Lage durch den starken Franken noch mal spezieller. Die SNB hat zwar die Zinsen gesenkt, aber der Franken hat sich so stark entwickelt, dass die effektiven Renditen für Schweizer Anleger im Ausland, gemessen in Franken, oft negativ waren. Jetzt, da die Fed die Zinsen hält, stabilisiert sich der Wechselkursanteil. Aber die lokalen Schweizer Banken? Die leiden unter der negativen Zinspolitik der SNB und der globalen Konkurrenz. Die Sparer in der Schweiz haben es schwerer, eine attraktive Rendite zu finden, die nicht nur die Inflation deckt, sondern auch den Währungseffekt ausgleicht. Es ist, wie Sie sagen, eine “Win-Situation”, aber nur unter der Bedingung, dass man global diversifiziert ist.

Senn: Global diversifiziert. Das führt mich zu Ihrer zweiten Gewichtung: 20 Prozent Europa. Wie sieht es dort mit der Inflation aus? Sind die Preise dort wirklich stabil, oder spüren wir die Nahost-Effekte noch nicht voll?

Gast: Die Energiepreise sind der Hebel. Wenn der Konflikt im Nahen Osten eskaliert, was die aktuellen Nachrichten der letzten Stunden andeuten, dann steigen die Ölpreise. Das treibt die Inflation in Europa, das energieabhängig ist, nach oben. Die EZB steht da vor einem Dilemma: Sie muss die Zinsen hoch halten, um die Inflation zu bekämpfen, aber das drückt die europäische Wirtschaft, die ohnehin schon schwächelt. Die Sparer in Europa profitieren also von den hohen Zinsen, aber sie leben in einer Wirtschaft, die stagniert. Das ist ein trostloser Gewinn.

Senn: Trostloser Gewinn. Das ist ein starkes Bild. Und die 10 Prozent Schweiz? Bleiben die dort außen vor?

Gast: Nein, sie sind im Zentrum. Die Schweiz exportiert viel in die Welt. Wenn die globale Nachfrage einbricht, weil die USA oder Europa in die Rezession rutschen, dann leiden die Schweizer Exporteure. Das drückt die Gewinne der Schweizer Unternehmen, was sich langfristig auf die Aktienkurse und damit auf die Pensionskassen auswirkt. Also: Die Sparer in den Pensionskassen profitieren kurzfristig von den hohen Zinsen auf ihre Bond-Holdings, aber langfristig leiden sie unter den niedrigeren Unternehmensgewinnen. Es ist ein klassischer Trade-off.

Senn: Ein Trade-off, den man kaum sieht, solange die Renditen hoch sind.

Gast: Genau. Das ist die Gefahr. Die hohen Renditen machen die aktuellen Probleme der Realwirtschaft unsichtbar. Man vergisst, dass die Wirtschaft stagniert, weil man sich über die 4-Prozent-Rendite auf dem Tagesgeldkonto freut. Aber wenn die Fed dann doch senkt, wird die Wahrheit offengelegt. Dann sehen wir, wie viele Unternehmen unter der Last der hohen Zinsen der letzten zwei Jahre geatmet haben.

Senn: Aber die Fed senkt nicht. Sie hält.

Gast: Sie hält jetzt. Bis der April vorbei ist. Und danach? Die Unsicherheit ist zu groß. Deshalb ist die aktuelle Situation für Sparer so wertvoll, aber auch so gefährlich. Sie sollten sie nutzen, um Positionen zu sichern, nicht um auf ewig hohe Renditen zu wetten. Die Natur der Zentralbanken ist es, den Kurs zu korrigieren, wenn er zu weit geht. Und die Zinsen sind heute schon hoch genug.

Senn: Heißt das, ich sollte jetzt Festgeld abschließen?

Gast: Festgeld für kurze Laufzeiten, ja. Drei bis sechs Monate. Dann sehen wir, was die Fed im Mai macht. Aber vergessen Sie nicht: Die Welt ist nicht nur Zinsen. Die geopolitischen Risiken sind real. Die Nachrichten der letzten Stunden aus dem Nahen Osten sind kein Hintergrundrauschen mehr. Sie sind der Vordergrund. Und wenn dort etwas passiert, dann fliehen die Kapitalströme in die Sicherheit. Und wer dort ist, profitiert. Aber wer weiß, ob die Sicherheit noch sicher ist?

Senn: Ein pessimistischer Ausblick.

Gast: Ein realistischer. Sparer profitieren heute, ja. Aber die Rechnung kommt später. Und die wird hart.