
EZB-Rat uneins bei Inflation
Die Einigkeit, die in Frankfurt noch vor wenigen Monaten als selbstverständlich galt, ist zerbrochen. Was wie ein technisches Detail der Geldpolitik wirken mag, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als fundamentaler Bruch im Konsens des Europäischen Zentralbankrats. Die Mitglieder sind sich nicht mehr einig, wie sie auf den aktuellen, persistierenden Inflationsschub reagieren sollen. Diese Uneinigkeit ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Komplexität. Sie erschwert die einheitliche Kursführung massiv. Denn während einige Ratgeber auf historische Daten vertrauen, die eine schnelle Normalisierung versprechen, warnen andere vor strukturellen Verzerrungen, die eine geduldige Herangehensweise erfordern. Wer sich in den Konferenzzimmern der EZB umhört, merkt schnell, dass die alten Lehrbücher der Monetären Theorie hier an ihre Grenzen stoßen. Die Welt hat sich verändert. Die Inflationsdynamik ist nicht mehr nur eine Frage der Geldmenge, sondern auch der geopolitischen Fragmentierung und der grünen Transformation.
Laut jüngsten Berichten, die auf den internen Debatten der Notenbank basieren, spaltet sich der Rat in zwei Lager. Das eine Lager, oft als „Hawkish“ bezeichnet, besteht aus Mitgliedern, die die Kerninflation als zu hartnäckig ansehen. Sie fürchten, dass zu frühe Zinssenkungen die Erwartungen der Märkte destabilisieren könnten. Für diese Gruppe ist die Glaubwürdigkeit der EZB das höchste Gut. Eine zu lockere Politik würde zu einer Entkoppelung der Inflationserwartungen von der Zielgröße von zwei Prozent führen. Diese Befürchtung ist nicht unbegründet. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir gesehen, wie schnell sich Inflationserwartungen entkoppeln können, wenn die Zentralbank als schwach wahrgenommen wird. Die Erfahrung der letzten zwei Jahre zeigt, dass die Märkte sehr sensibel auf jede Ambivalenz reagieren.
Das andere Lager, eher als „Dovish“ zu charakterisieren, verweist auf die schwächelnde Konjunktur in der Eurozone. Hier wird argumentiert, dass die Zinsen bereits restriktiv genug sind. Die Wirkungsketten der Geldpolitik wirken mit einer Verzögerung von bis zu zwei Jahren. Ein zu langes Festhalten an hohen Zinsen...
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