Wie die Wirtschaftsgeschichte seit 1989 die populärste Spekulationslegende der Welt korrigiert hat, warum die eigentliche Lehre eine andere ist, als Charles Mackay erzählte, und was die Südsee-Blase von 1720 damit zu tun hat
Wer heute einen Krypto-Crash, einen NFT-Einbruch oder eine überhitzte KI-Aktie kommentiert, greift reflexartig zu einer Vokabel: Tulpenmanie. Das Bild steht seit 1841 fest, festgemeisselt von Charles Mackays Bestseller «Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds». Ein ganzes Volk, eine kollektive Verblendung, der totale Ruin. Wer drei Sätze weiterblättert, landet bei einer zweiten Erzählung, der Südsee-Blase von 1720, die als politisch verquickte Aktien-Manie das Muster für jeden späteren Boom geliefert haben soll. Beide Geschichten gehören in fast jedem Wirtschaftsbuch zusammen. Beide werden fast immer falsch erzählt. Die wirtschaftshistorische Forschung hat seit 1989 beide Bilder grundlegend revidiert. Dieser Bericht rekonstruiert, was die Tulpenmanie wirklich war, wie sie überdauerte, wie London 1720 ein gänzlich anderes Spektakel inszenierte, und welche Mechanik in modernen Spekulationsblasen tatsächlich wiederkehrt.