Die Psychologie weiss inzwischen, dass Vergebung dem Vergebenden mehr nützt als dem Täter. Aber keine Tradition verschenkt sie. Was macht das mit Darfur, Srebrenica und dem Juli 2026?
Vergebung ist in aller Munde, und selten wird sie so gemeint, wie die grossen Traditionen sie gemeint haben. Der aktuelle psychologische Forschungsstand sagt seit rund dreissig Jahren ziemlich klar, dass Vergebung dem Vergebenden mehr nützt als dem Täter: weniger Depression, weniger Blutdruck, weniger posttraumatischer Stress. Gleichzeitig zeigen jüdische, christliche, islamische, buddhistische und afrikanische Traditionen in erstaunlich ähnlicher Struktur, dass Vergebung nie umsonst ist. Reue, Wahrheit, Wiedergutmachung stehen davor, nicht danach. Dieser Bericht zeichnet nach, was die Traditionen gemeinsam haben, was die Psychologie bestätigt, wo die Versöhnungsmodelle der letzten dreissig Jahre funktioniert haben. Und warum das im Juli 2026 in Darfur, beim Gedenken an Srebrenica und in der Schweizer Aufarbeitung eigener Mitverantwortung gleichzeitig auf dem Prüfstand steht.