Im Sommer 2026 ist Indien nominell die fünftgrösste Volkswirtschaft der Welt und verfügt über das viertgrösste Militärbudget. Der industrielle Aufstieg, der diesen Platz rechtfertigen soll, findet seit über zehn Jahren nicht statt. Der Bericht ordnet ein, was die Zahlen darüber hinwegtäuschen.
In Neu-Delhi trägt das India Gate noch die Namen der Soldaten, die im Ersten Weltkrieg für das British Empire fielen. Vierhundert Meter südlich davon beginnt der Regierungsbezirk, in dem im Februar 2026 Premierminister Narendra Modi, Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António Costa ein Freihandelsabkommen unterzeichneten, das Indien nach zwanzig Jahren Verhandlung an die EU bindet. Im selben Monat drosselte die Trump-Regierung in Washington die Strafzölle auf indische Exporte drastisch, nachdem sich Indien bereit erklärt hatte, den Einkauf von russischem Rohöl zurückzufahren. Im Mai 2025 hatte Indien Präzisionsraketen gegen Ziele in Pakistan geschlagen. Die Krise endete am 10. Mai 2025 mit einem von Washington vermittelten Waffenstillstand, der bis heute hält. Die geopolitische Signatur dieses Landes lässt sich im Sommer 2026 in einer einzigen Stadt ablesen. Die industrielle Substanz, die dahinter stehen sollte, ist eine andere Geschichte.