Die Nacht brachte aus der Ukraine zwei gegenläufige Meldungen. Russland reklamiert nach eigenen Angaben die Einnahme einer strategisch wichtigen Stadt im Osten des Landes. Gleichzeitig schlugen ukrainische Drohnen auf der von Moskau annektierten Halbinsel Krim grössere Stromnetze zusammen. In Sumy forderte ein russischer Angriff nach ukrainischen Angaben mehrere Tote (Tagesschau). Augenzeugen berichten von Rettungskräften, die in den Morgenstunden unter Trümmern nach Überlebenden suchten. In mehreren Stadtteilen von Sumy fiel nach den Einschlägen der Strom aus, Wasserleitungen wurden beschädigt. Der ukrainische Energieversorger Ukrenergo sprach von einer «aussergewöhnlich schwierigen Lage». Der Frontverlauf entscheidet, mit welcher Verhandlungsposition Kiew in den NATO-Gipfel am kommenden Wochenende in Ankara geht. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte zuletzt wiederholt deutlichere Sicherheitsgarantien für sein Land gefordert. Westliche Militärs beobachten die Lage mit Sorge, da Russland an mehreren Frontabschnitten gleichzeitig Druck aufbaut. Der Kreml wies Forderungen nach einem sofortigen Waffenstillstand erneut zurück und beharrt auf seinen Maximalforderungen. Gleichzeitig verschärfen die steigenden Treibstoffpreise in Europa die Debatte über weitere Sanktionspakete gegen Moskau.
Vor dem Gipfel in Ankara sickerte durch, dass die europäischen NATO-Mitglieder und Kanada der Ukraine insgesamt 140 Mrd. Euro Militärhilfe zusagen wollen. Das Paket soll langfristige Waffenlieferungen, Ausbildung und logistische Unterstützung abdecken (Tagesschau). Bundeskanzler Friedrich Merz reagierte unterdessen gelassen auf die jüngste Kritik von US-Präsident Donald Trump an den europäischen Verteidigungsausgaben. Die Türkei als Gastgeberin steht unter besonderer Beobachtung, da sie sowohl NATO-Mitglied als auch diplomatischer Partner Moskaus ist. In den Meldungen heisst es, dass die Lieferungen über mehrere Jahre gestreckt werden sollen. Deutschlands Anteil daran dürfte nach Regierungsangaben bei rund 35 Mrd. Euro liegen. Polen, die baltischen Staaten und Skandinavien pochen auf zusätzliche Abwehrsysteme an der Ostflanke. Auch die Schweiz steht vor der Frage, ob sie sich über das Rüstungsmaterial-Beschaffungsprogramm indirekt an Lieferungen beteiligt; bislang lehnt der Bundesrat eine Beteiligung an Waffenlieferungen ab, lässt aber Wiederaufbauhilfe zu. In Ankara werden am Mittwoch zudem die Beitrittsgespräche mit Bosnien und Herzegowina auf der Tagesordnung stehen.