Nacht der Drohnen: Russland überzieht Kiew mit Luftangriffen
Klitschko spricht vom schwersten Angriff seit Kriegsbeginn. Deutsche Koalition einigt sich auf Reformpaket. OpenAI bietet US-Regierung fünf Prozent Beteiligung an.
Nacht der Drohnen: Russland überzieht Kiew mit Luftangriffen
Die ukrainische Hauptstadt erlebt nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko den schwersten russischen Angriff seit Beginn der Invasion. In der Nacht zum Donnerstag schlugen Dutzende Drohnen und Marschflugkörper in Wohngebiete ein, mehrere Hochhäuser gerieten in Brand. Klitschko sprach am Morgen von mindestens 13 Toten und rund 90 Verletzten (Tagesschau, 02.07., 07:52). Präsident Wolodymyr Selenskyj rief die Bevölkerung auf, Schutzräume aufzusetzen, und forderte westliche Luftabwehrsysteme. Der Kreml bestätigte auf Anfrage keine Beteiligung an Angriffen auf zivile Infrastruktur, wies jede Verantwortung zurück (BBC, 02.07.). Es mehren sich Hinweise aus Kiew, dass der Beschluss zur Eskalation mit dem laufenden Streit über westliche Waffenlieferungen und dem Streit um eingefrorene russische Vermögen zusammenhängt.
Russische Drohnen-Aufklärung über europäischen AKW
Russland hat nach Recherchen der BBC und des Guardian über mindestens 18 Monate hinweg Drohnen-Aufklärung über europäische Atomkraftwerke betrieben. Betroffen sind Standorte in Frankreich, Belgien, Grossbritannien und den Niederlanden (The Guardian, 02.07., 08:30). Die Daten wurden offenbar systematisch an Militärgeheimdienste in Moskau und Minsk übermittelt. Die britische Regierung hat den russischen Botschafter einbestellt, Paris und Brüssel kündigten eine gemeinsame Sicherheitsüberprüfung an. Auch für die Schweiz ist der Fall relevant: Die Axpo betreibt keine Anlagen in den genannten Ländern, das Bundesamt für Energie BFE steht aber nach eigenen Angaben im Austausch mit der Aufsichtsbehörde ENSI. Die IAEO in Wien will am Freitag zu einer Sondersitzung zusammentreten, um Konsequenzen zu beraten.
Deutschland: Koalitionsausschuss beschliesst Reformpaket
In Deutschland hat sich der Koalitionsausschuss von Union und SPD nach einer durchverhandelten Nacht auf ein Reformpaket geeinigt. Bundeskanzler Friedrich Merz kündigte am Donnerstagmorgen Steuerentlastungen von bis zu 600 Euro pro Jahr für Arbeitnehmer an (Tagesspiegel, 02.07., 07:55). Gegenfinanziert wird das Ganze über eine Ausweitung der Reichensteuer sowie eine höhere Besteuerung von Tabak und Alkohol. Zudem soll die Verstaatlichung von Mietwohnungen auf Bundesebene gesetzlich ausgeschlossen werden. Neu geregelt wird auch die telefonische Krankschreibung: Sie fällt weg, Beschäftigte müssen für bis zu drei Tage wieder den Arzt aufsuchen (ZEIT, 02.07.). Wirtschaftlich bedeutsam ist die geplante Befristung von Arbeitsverträgen bis zu vier Jahren ohne Sachgrund. Wirtschaftsverbände begrüssen die Wachstumsinitiative, Arbeitnehmervertreter kritisieren den Eingriff in den Kündigungsschutz. Das Kanzleramt rechnet mit einem Wachstumsimpuls von 0,4 Prozent im kommenden Jahr. Die deutschen Gewerkschaften kündigten bereits am Donnerstagmorgen verfassungsrechtliche Bedenken gegen einzelne Punkte an.
Berlin-Umfrage: Linke erstmals stärkste Kraft
Eine neue Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey für die Tagesspiegel sieht die CDU erstmals seit 2023 nicht mehr an der Spitze. Die Linkspartei kommt auf 20 Prozent und überholt damit die CDU, die auf 19 Prozent fällt (Tagesspiegel, 02.07., 03:21). Die SPD bleibt unverändert bei 15 Prozent, die Grünen verlieren zwei Punkte auf 11 Prozent. Die Berliner CDU-Spitze sprach von einer "Momentaufnahme". Spannend wird, ob die SPD noch ihren Spitzenkandidaten für die Wahl am 13. Juli austauscht. Im Bund wirft das Resultat Fragen an Merz' Berlin-Strategie auf, der im Herbst 2025 den Wahlkampf mit der Bundespartei harmonisieren wollte und die Hauptstadt als Aushängeschild präsentiert hatte. Beobachter werten den Anstieg der Linken vor allem als Protestwelle gegen die Mieten- und Energiepolitik des Senats.
Nahost: USA und Iran tasten sich in Katar an
In den USA öffnet sich ein weiterer diplomatischer Kanal zwischen Washington und Teheran. Indirekte Verhandlungen zwischen beiden Regierungen liefen am Mittwoch und Donnerstag in Doha, am Golf sitzen Vertreter beider Seiten erstmals seit acht Monaten am gleichen Tisch (Ntv, 02.07., 01:26). US-Aussenminister Marco Rubio nannte die Gespräche "sehr gut", ohne Details zu nennen. Ein Sondergesandter des Präsidenten traf den iranischen Chefunterhändler am Golf in einem Luxushotel, ohne dass es zum direkten Gespräch kam. Streitthemen sind das iranische Atomprogramm, die Finanzierung der Huthi-Miliz im Jemen sowie die Freilassung amerikanischer Gefangener. Im Hintergrund läuft die Sanktionsmaschinerie weiter: Die USA stellten am Dienstag Strafmassnahmen gegen acht iranische Ölhändler in Aussicht. Parallel zu den Verhandlungen traf Präsident Donald Trump am Mittwoch in Doha ein, an Bord seiner neuen Air Force One im Wert von 400 Mio. Dollar, die der Golfstaat als Geschenk übergeben hatte (AP, 01.07.). Der Vorgang sorgt in Washington parteiübergreifend für Kritik.
Venezuela: Erdbeben erschüttert den Westen
In Venezuela hinterlässt ein Erdbeben der Stärke 6,4 schwere Schäden. Das Epizentrum lag 25 Kilometer nordwestlich von Maracaibo in der Provinz Zulia (Tagesschau, 02.07., 01:21). Mindestens drei Personen kamen ums Leben, dutzende Gebäude gelten als unbewohnbar, der Strom fiel in mehreren Stadtteilen aus. Das Epizentrum lag nur 14 Kilometer unter der Erdoberfläche, was die zerstörerische Wirkung verstärkte. Präsident Nicolás Maduro sprach von einer "Tragödie" und ordnete den Notstand in vier Bundesstaaten an. Hilfsorganisationen aus Kolumbien und Panama haben Erkundungsteams entsandt. Die Schweiz hat über das Schweizerische Korps für Humanitäre Hilfe ein erstes Erkundungsteam an Ort und Stelle geschickt.
Tech-Sektor: OpenAI bietet Staat Beteiligung an
Im Tech-Sektor wählt OpenAI einen ungewöhnlichen Weg: Das Unternehmen hat der US-Regierung laut einem Bericht von Bloomberg eine fünfprozentige Beteiligung an seinem Konzern angeboten (Heise, 02.07., 09:48). Im Gegenzug soll die staatliche Aufsicht über Sicherheitsfragen reduziert und Exportkontrollen gelockert werden. Eine offizielle Bestätigung aus Washington steht aus, das Weisse Haus liess Anfragen am Mittwoch unbeantwortet. Beobachter werten den Schritt als Reaktion auf den wachsenden Druck durch Bundesermittlungen zu Kartellrecht und Verbraucherschutz. In Deutschland eröffnet der Chiphersteller Infineon am Donnerstag in Dresden eine neue Halbleiterfabrik für 5 Mrd. Euro (Heise, 02.07., 10:00). Sie ist Teil der europäischen Antwort auf amerikanische und asiatische Dominanz in der Chip-Herstellung. Der Bund und Sachsen haben den Bau mit insgesamt 1 Mrd. Euro unterstützt, rund 3'000 Arbeitsplätze entstehen. Wirtschaftsminister Robert Habeck sprach am Mittwochabend von einem "Signal europäischer Souveränität".
EuGH bestätigt Rekordstrafe gegen Google
In Karlsruhe bestätigt der Europäische Gerichtshof (EuGH) die Rekordstrafe gegen Google wegen wettbewerbswidriger Praktiken im Android-Ökosystem. Die Höhe: 4,34 Mrd. Euro, wie schon 2018 verhängt (Heise, 02.07., 10:48). Google kündigte Berufung an, doch der EuGH stuft die ursprüngliche Entscheidung der EU-Kommission als rechtmässig ein. Für Verbraucherinnen und Verbraucher in der EU ist das Urteil ein wichtiger Marker: Die Auflagen für App-Store-Betreiber werden konkreter, alternative Bezahlsysteme sollen künftig einfacher möglich sein. Auch die Schweiz ist indirekt betroffen, da Google-Dienste hierzulande die meisten Android-Geräte dominieren. Die Wettbewerbskommission COMCO beobachtet das Verfahren nach eigenen Angaben "mit Interesse".
USA hebt Export-Blockade für Anthropic auf
Die US-Regierung hebt die Exportbeschränkungen für die KI-Modelle von Anthropic nach langem Streit auf. Hintergrund war ein Cyberangriff auf die Claude-Modellfamilie, der laut Bundesbehörden von einer koordinierten Hackergruppe stammte (Spiegel, 01.07.). Anthropic hatte im Frühjahr zwei besonders leistungsfähige Modelle ("Mythos" und "Fable") aus dem Verkehr gezogen. Die Aufsichtsbehörde für Cybersicherheit CISA hatte daraufhin einen Exportstopp verhängt. Mit der Aufhebung darf Anthropic seine neuen Modelle ab August in 41 Länder ausliefern. Für die Schweiz bedeutet das: Lokale Entwicklerinnen und Entwickler erhalten wieder direkten Zugang zu den neuesten Versionen.
Schweiz: Luftverteidigung kostet 11 Milliarden Franken
Die Schweizer Armee rechnet bei der Luftverteidigung mit massiven Mehrkosten. Geplant war eine Beschaffung im Wert von 7 Mrd. Franken, jetzt liegt der Kostenvoranschlag bei 11 Mrd. Franken (SRF, 02.07.). Hauptgrund sind gestiegene Preise bei Patriot-Flugabwehrraketen aus den USA, der Wechselkurs zwischen Franken und Dollar sowie der aufwendige Umbau bestehender Anlagen. Sicherheitsexperten werten die Steigerung als Zeichen einer breit angelegten Aufrüstung in Europa, die auf Schweizer Beschaffungen durchschlägt. Der Bundesrat will im Herbst eine angepasste Vorlage vorlegen. Die Sicherheitspolitische Kommission des Nationalrats hat für Anfang September eine ausserordentliche Sitzung einberufen.
Kurz gemeldet: Vatikan, Sprit-Preisdeckel, Wirtschaft
Aus dem Vatikan kommt die Nachricht, dass Papst Leo XIV. sechs Bischöfe der traditionalistischen Piusbruderschaft aus der katholischen Kirche ausgeschlossen hat. Der Schritt erfolgte wegen eigenmächtiger Bischofsweihen in der Schweiz ohne römische Genehmigung (Spiegel, 02.07., 08:03). Die Bruderschaft akzeptiert die vatikanische Entscheidung nicht und will juristisch dagegen vorgehen. In Berlin rückt nach dem Ende des Tankrabatts ein gesetzlicher Preisdeckel für Sprit näher. Das Bundesfinanzministerium bestätigte am Donnerstagmorgen Eckpunkte einer entsprechenden Vorlage (Tagesspiegel, 02.07., 03:48). Demnach soll der Liter Benzin höchstens 1,75 Euro, Diesel höchstens 1,85 Euro kosten. Und schliesslich übernimmt die französische Reederei CMA CGM für 1,4 Mrd. Dollar die Logistiksparte von FedEx. Die Transaktion umfasst 130 Standorte in 26 Ländern, 25'000 Mitarbeitende wechseln den Arbeitgeber (AP, 01.07.).
Sport: Wimbledon in voller Finalphase
In Wimbledon biegt das Turnier in die entscheidende Phase. Nach Regen am Mittwoch ist das Centre-Court-Dach am Donnerstag im Einsatz (BBC Sport, 02.07.). Swiss Tennis schickt mit Belinda Bencic und Stan Wawrinka zwei ehemalige Grand-Slam-Siegerinnen und Sieger in die Doppel-Konkurrenz. Für das heimische Publikum ist es eine der letzten Chancen, den 41-jährigen Wawrinka auf Rasen zu sehen, bevor der Romand nach Olympia auf den Hartplatz zurückkehrt. Angesetzt sind Live-Übertragungen aus London ab 14:30 Uhr MESZ (SRF zwei, 02.07.). Der Final der Frauen ist für Samstag vorgesehen, der Final der Männer am Sonntag. Im Schwellenland der Formkurve bleibt Novak Djokovic nach eigener Aussage "hungrig auf einen weiteren Titel".
Ausblick auf den Nachmittag
Am Nachmittag treffen sich die EU-Finanzminister in Brüssel zu Beratungen über eine gemeinsame Verteidigungsanleihe. Die deutsche Ratspräsidentschaft will einen Kompromissvorschlag vorlegen, der Streit dürfte zwischen Paris und Den Haag verlaufen. In Washington beginnt die Anhörung des designierten Notenbank-Chefs Kevin Warsh vor dem Bankenausschuss des Senats. Im Zentrum steht seine Haltung zur politischen Unabhängigkeit der Fed. Und in Genf setzt die Welthandelsorganisation WTO ihre Verhandlungen über einen digitalen Dienstleistungs-Pakt fort. Direkt am Verhandlungstisch sitzt eine Schweizer Delegation unter Leitung von Staatssekretärin Martina Hirayama.
Die Märkte heute
Der Goldpreis steht aktuell bei 4'089,2 Dollar pro Unze. Das ist ein Gewinn von 1,66 Prozent seit dieser Woche. Hauptgrund ist die anhaltende Nachfrage grosser Zentralbanken in Asien sowie die Dollarschwäche an den Devisenmärkten.
Der MSCI World Index notiert bei 4'821,17 Punkten. Das entspricht einem Plus von 0,64 Prozent seit dem Handelsstart am Mittwoch. Die asiatischen Börsen haben den Donnerstag gemischt eröffnet, während Frankfurt und Zürich leicht im Plus liegen. Tokio schloss auf Tagessicht unverändert.
Der Bitcoin-Kurs liegt bei 60'432 Dollar. Das ist ein Gewinn von 2,63 Prozent innert 24 Stunden. Hintergrund sind Spekulationen über eine Lockerung der US-Regulierung von Kryptowährungen nach dem jüngsten Regierungsbericht des Finanzministeriums und wachsendem Interesse institutioneller Investoren.
Der Euro kostet aktuell 0,9234 Franken. Der US-Dollar liegt bei 0,8112 Franken. Beide Werte stammen aus der Referenz der Europäischen Zentralbank vom Vortag, frischere Kurse lagen zum Redaktionsschluss noch nicht vor. Der Franken zeigt sich weiter fest gegenüber beiden Währungen.