Sechs Tote nach Schüssen in Jugendhilfeeinrichtung in Niedersachsen
Mittagsüberblick 29. Juni: Schiesserei in Stade, Iran-Doha-Signal, Cook bleibt, SNB zur KI in der Bankenberatung.
Sechs Tote nach Schüssen in Jugendhilfeeinrichtung in Niedersachsen
Mittagsüberblick 29. Juni: Schiesserei in Stade, Iran-Doha-Signal, Cook bleibt im Amt, SNB zur KI in der Bankenberatung.
In der niedersächsischen Kleinstadt Stade hat ein Schütze am späten Vormittag sechs Menschen in einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe getötet, darunter vier Frauen und einen Mann am Tatort sowie ein sechstes Opfer, das im Spital starb. Die Polizei Stade nahm den mutmasslichen Täter sowie zwei weitere Personen fest. Das Gelände blieb weiträumig abgesperrt, Kinder einer benachbarten Tagesschule wurden von ihren Eltern abgeholt. Ein politisches oder islamistisches Motiv war zunächst offen, die Ermittler prüften Beziehungen zwischen Täter und Opfern. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier äusserte sich bestürzt. Der Vorfall liegt rund 30 Kilometer westlich von Hamburg, die Stadt Stade zählt etwa 50'000 Einwohner. Die internationale Berichterstattung übernahmen BBC News, NZZ, SRF und tagesschau.
In einer anderen Tonlage präsentierte sich die Aussenpolitik: US-Präsident Donald Trump kündigte über Truth Social ein Treffen mit Iran für Dienstag in Doha an. Irans stellvertretender Aussenminister und Verhandlungsführer Kazem Gharibabadi widersprach auf Anfrage der iranischen Nachrichtenagentur IRNA und nannte Berichte über Arbeitssitzungen in Doha "nicht bestätigt". Hintergrund ist ein 14-Punkte-Memorandum of Understanding vom 17. Juni, das eine sofortige und dauerhafte Beendigung militärischer Operationen vorsah und iranische Handelsschiffe für 60 Tage in der Strasse von Hormus frei passieren lassen sollte. Eine iranische Drohne hatte das Abkommen am Donnerstag verletzt, worauf US-Centcom iranische Drohnen- und Luftabwehrstellungen angriff. Pakistan kündigte an, als Mediator am Dienstag Gespräche zu ermöglichen. Schweizer Leser verfolgen die Lage mit Blick auf die SNB-Konjunkturanalyse, die den Korridor Hormus als direkten Risikofaktor für die Schweizer Exportkonjunktur nennt.
Ein klares Signal zur Geldpolitik kam aus Washington: Der Oberste Gerichtshof der USA entschied mit 5 zu 4 Stimmen, dass Präsident Trump Fed-Gouverneurin Lisa Cook vorerst nicht aus dem Amt entfernen darf. Der Fall ging zur weiteren Prüfung an die unteren Instanzen zurück. Nach Darstellung des Gerichts fehlte dem Präsidenten das nötige due process, um Cook ohne triftigen Grund abzuberufen. Im selben Urteilsblock schwächte das Gericht mit 6 zu 3 Stimmen die über 90 Jahre alte Humphrey's-Executor-Doktrin für andere unabhängige Bundesagenturen; die Fed bleibt davon ausgenommen. Die Entscheidung stärkt die Unabhängigkeit der US-Notenbank in einer Phase, in der Trump zugleich den nächsten Fed-Chef nominieren will. Für die Schweiz ist das Urteil indirekt relevant: Wechselkursschocks zwischen Dollar und Franken bleiben damit kalkulierbarer, die SNB kann ihre Geldpolitik weiter an der eigenen Konjunkturlage ausrichten.
In Caracas und an der venezolanischen Westküste hält eine Erdbebenkatastrophe das Land in Atem. Nach zwei Beben der Stärke 6,3 und 6,1 stieg die Zahl der Toten nach Regierungsangaben auf über 1'450, zehntausende Menschen werden weiter vermisst. Am Montag traf ein Nachbeben der Stärke 4,6 die Nähe der Hauptstadt Caracas. Rettungskräfte suchten den fünften Tag in den Trümmern, am Sonntag bargen sie einen Mann nach 106 Stunden lebend. Die humanitäre Antwort muss US-Aussenminister Marco Rubio orchestrieren, obwohl die US-Regierung im Januar Präsident Nicolás Maduro gestürzt hatte und USAID-Personal stark abgebaut wurde. Die DEZA prüft nach Angaben aus EDA-Kreisen, ob und in welcher Form Schweizer Hilfe geleistet werden kann. Schweizer Hilfswerke wie die Glückskette rufen zu Spenden auf.
Die Schweizerische Nationalbank legte am Mittag ihr Quartalsheft zur Konjunkturlage vor. Die SNB-Delegierten für regionale Wirtschaftskontakte hatten zwischen dem 15. April und dem 2. Juni 243 Unternehmensleitungen befragt. Das Resultat: Die Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal solide, getragen von Umsatzsteigerungen, während die Industriekonjunktur gedämpft blieb. Die Bankenberatung durchläuft laut SNB eine "tiefgreifende Transformation" durch Künstliche Intelligenz. Die Beschäftigungseffekte in den Firmen sind bisher gering. Die SNB verweist ausdrücklich auf geopolitische Spannungen rund um die Strasse von Hormus als Spurenfaktor. UBS, Julius Bär, Pictet und Lombard Odier sind damit zentral betroffen, wie finews.ch berichtet.
Eine Milliarden-Allianz im Telekommunikationsmarkt: Die britische BT-Gruppe und der US-Konzern Verizon legen ihre internationalen Geschäftskundenaktivitäten in einem 50:50-Joint-Venture zusammen, das mit rund 4 Mrd. USD bewertet wird. BT suchte seit 18 Monaten einen Käufer für die internationale Sparte, das Joint Venture schafft einer der grössten globalen Anbieter für sicheres Multinational-Netzwerk- und Cybersecurity-Geschäft. Swisscom und Sunrise unter Liberty Global beobachten die Konsolidierung im selben Markt. Parallel kündigte Comcast an, NBCUniversal und Sky in zwei separate Medienunternehmen aufzuspalten. Der Verbleib von Sky News wird damit zur offenen Frage.
In Südkorea schnürt die Regierung ein 880 Mrd. USD schweres Investitionspaket für Halbleiter und Künstliche Intelligenz. Damit reagiert Seoul auf die Subventionswelle aus den USA (CHIPS Act), China, Taiwan und Japan. Samsung, SK Hynix und aufstrebende KI-Firmen sollen den Anschluss halten. Asiens Chipwerte haben sich laut The Guardian im ersten Halbjahr 2026 teilweise verdreifacht und treiben die regionalen Indizes. Für Schweizer Anleger wirkt der Block indirekt: SMI-Komponenten wie Logitech und AMS Osram stehen am Anfang der KI-Wertschöpfungskette, der Goldpreis reflektiert die Suche nach Sachwerten in der Disruptionsphase. Parallel korrigieren Industriebetriebe den KI-Hype: Der Autobauer Ford hat nach BBC-Berichten begonnen, erfahrene Qualitätsingenieure wieder einzustellen, weil KI-gestützte Sichtprüfungen die Treffsicherheit menschlicher Fachkräfte nicht erreichten.
In der Schweiz korrigierte die EU im Eilverfahren eine Verordnung zur Abfallverbringung, die der Schweiz Dutzende Millionen Franken gekostet hätte. Die Sonderregelung für den Import von Siedlungsabfällen bleibt bestehen. Schweizer Kehrichtverbrennungsanlagen in Basel, Zürich und Buchs sind auf Importe aus dem grenznahen EU-Raum angewiesen, um ihre Hochtemperaturöfen wirtschaftlich auszulasten. Das Lobbying des Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation unter Bundesrat Albert Rösti habe die Eilverfahrens-Korrektur innert Tagen ermöglicht, schreibt die NZZ.
Ein Wirtschaftsstrafverfahren schliesst ein Kapitel ab, das die Schweizer Startup-Szene über Monate beschäftigte. Ein Schweizer Gericht verurteilt den als "Schweizer Elon Musk" bekannt gewordenen Geschäftsmann Jaussi zu fünfeinhalb Jahren Freiheitsstrafe. Im Zentrum standen 30 Mio. CHF Schulden, ein rätselhafter Autobrand und der Verdacht auf betrügerischen Konkurs. SRF berichtet prominent. Die mediale Vermarktung als heldischer Tech-Visionär wird im Nachhinein zum Lehrstück der gesamten Szene.
In Brüssel tritt zum Wochenbeginn die geplante Zollreform in Kraft: Ein pauschaler Zoll von 3 EUR auf Kleinpakete unter 150 EUR Warenwert beendet die De-minimis-Ausnahme, die Temu, Shein und andere Billigplattformen aus China bisher nutzten. 2025 erreichten über 4,6 Mrd. Kleinpakete aus Drittstaaten die EU. Schweizer Konsumenten bestellen massiv bei Temu und Shein, Schweizer Logistiker wie die Post und DHL Schweiz beobachten die Entwicklung, ebenso Plattformen wie Galaxus und Brack. Die Schweiz ist von der Regel nicht direkt betroffen, aber die Preisdifferenzen dürften sich angleichen.
Im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet eskaliert die Lage. Nach einem Anschlag in Karachi bombardierte Pakistan in der Nacht auf Montag Ziele in Afghanistan. Die UN spricht von mindestens 28 getöteten Zivilisten, die afghanische Taliban-Regierung von 36 Toten und 160 Verletzten und nennt die Angriffe eine Gräueltat. UN-Generalsekretär António Guterres rief beide Seiten zur Zurückhaltung auf. Die Spannungen zwischen Islamabad und Kabul dauern seit Monaten, auch wegen der pakistanischen Mauer an der Durand-Linie. Die DEZA unterhält Programme in Afghanistan und beobachtet die humanitäre Lage. Parallel verschärft sich das Wetter in Europa: Die Weltgesundheitsorganisation zählt nach der Hitzewelle mindestens 1'300 hitzebedingte Todesfälle. Deutschland registrierte am Wochenende mit 41,7 °C einen Allzeit-Temperaturrekord, betroffen waren 150 Mio. Menschen mit Werten über 35 °C. WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus warnte, Europa sei nicht vorbereitet. Die Schweiz stellt sich auf weitere Hitzewellen ein.
Nach Wimbledon blickt die Sportwelt auf einen Schweizer Lichtblick. Belinda Bencic aus der Schweiz gewann das Schweizer Duell gegen die 17-jährige Qualifikantin Jenny Stösavljevic in 65 Minuten, ihr erster Matchgewinn in Wimbledon 2026 nach langer Verletzungspause. Bei den Herren ringt Titelverteidiger Jannik Sinner aus Südtirol den Serben Miomir Kecmanovic in fünf Sätzen nieder, lag 0:2 nach Sätzen zurück und entschied den fünften Satz für sich. Sinner ist nach Novak Djokovic erst der zweite Spieler der Open Era, der seinen Wimbledon-Titel verteidigt. Bei den Herren schieden am ersten Spieltag sechs Briten aus, darunter Cameron Norrie als gesetzter Spieler. BBC-Reporter Stephan Shemilt nennt es den schlimmsten britischen Eröffnungstag der Turniergeschichte. SRF und NZZ berichten live.
Die Märkte heute
Der Euro steht zum Franken aktuell bei 0,9222 CHF. Der US-Dollar notiert bei 0,8085 CHF. Der MSCI World steht bei 4'786,41 Punkten, ein Plus von 0,9 Prozent seit Wochenbeginn, getragen von der Chip-Rallye in Asien. Gold kostet 3'270,10 CHF pro Unze (umgerechnet zum USD/CHF-Kurs 0,8085), ein Plus von 1,37 Prozent seit dem gestrigen Schlussstand. Bitcoin wechselt bei 48'806 CHF den Besitzer, ein Plus von 1,41 Prozent auf 24-Stunden-Sicht. Hauptgrund für die freundliche Stimmung: die Beruhigungssignale aus Washington und Teheran sowie die Halbleiterstärke nach dem südkoreanischen Investitionspaket.