Iran eskaliert, Venezuela bebt, VW vor Massenabbau
USA bombardieren Iran trotz Waffenruhe, Venezuela meldet 920 Tote nach Erdbeben, Volkswagen plant Abbau von 100'000 Stellen.
Iran eskaliert, Venezuela bebt, VW vor Massenabbau
Guten Morgen. Das Wochenende beginnt mit einer Zuspitzung im Nahen Osten, einer Erdbebenkatastrophe in Südamerika und einer Hitzewelle, die in Europa Rekorde bricht. In Deutschland zeichnet sich bei Volkswagen ein beispielloser Stellenabbau ab, in der Schweiz wird der wärmste Juni-Tag seit Messbeginn im Jahr 1864 registriert. Zwölf Signale im Überblick, von der Geopolitik über die Konjunktur bis zur Fussball-WM. Der MSCI World steht bei 4'744 Punkten mit einem Minus von 1,6 Prozent, Gold fällt, Bitcoin zieht an. Wer wenig Zeit hat: die drei wichtigsten Punkte stehen ganz oben.
USA und Iran haben sich in der Nacht gegenseitig angegriffen, obwohl eine Waffenruhe in Kraft ist. Nach Angaben des US-Militärs flogen amerikanische Kampfflugzeuge Angriffe auf Ziele im Iran, als Vergeltung für einen Beschuss eines Frachtschiffs in der Strasse von Hormus. Präsident Donald Trump erklärte, Iran habe die Waffenruhe gebrochen. Das iranische Regime griff im Gegenzug US-Stützpunkte am Persischen Golf an, wie die Nachrichtenagentur Reuters meldete. Es handle sich um die ersten US-Angriffe seit Unterzeichnung eines Rahmenabkommens vor rund 10 Tagen. Der Kongress in Washington hatte Trump kurz zuvor zusätzliche 88 Mrd. USD an Kriegsmitteln bewilligt, wovon der Löwenanteil in den Iran-Einsatz fliesst. Die Spannungen erreichen damit den offensten Punkt seit Monaten, ein Ölpreis-Schock über die bereits volatilen 80 USD pro Fass ist programmiert. Für die Schweizer Rohstoffhändler in Genf und Zug bedeutet das volatile Tage, auch die Versicherungsbranche rechnet mit steigenden Prämien für Tankertransporte durch die Meerenge.
Venezuela meldet nach den schweren Erdbeben vom Vortag eine dramatische Bilanz. Die Zahl der Toten stieg nach Angaben der Regierung auf 920, mehr als 50'000 Menschen gelten als vermisst. Staatschef Nicolás Maduro hat die Katastrophenregion La Guaira militarisiert und den Ausnahmezustand ausgerufen. Schweizer Rettungsteams mit 14 Spürhunden sind bereits im Einsatz, die Bundeswehr flog Teams des Technischen Hilfswerks (THW) auf das südamerikanische Festland. Die Beben erreichten nach Messungen des Schweizerischen Erdbebendienstes (SED) Stärken über 6.0, das Epizentrum lag rund 25 km vor der Küste. Für die internationale Suche beginnen nach Angaben von Helfern «kritische Stunden», viele Verschüttete gelten als verschollen, darunter mehrere Kinder, deren Mütter unter den Trümmern starben. Die Schweizer Glückskette hat ein Spendenkonto eröffnet und ruft zu Hilfen in Höhe von mindestens CHF 5 Mio. auf, Bund und Kantone stellen zusätzliche CHF 2 Mio. an Soforthilfe bereit.
Volkswagen plant einem Bericht der «Frankfurter Rundschau» zufolge den weltweiten Abbau von bis zu 100'000 Stellen, vier Werke in Deutschland könnten geschlossen werden. Der Konzern steht unter Druck durch die schwache Nachfrage nach E-Autos, die Konkurrenz chinesischer Hersteller und die nachlassende Konjunktur in China. Die NZZ sieht in der Krise ein «Menetekel für den Standort Deutschland». Betriebsrat und IG Metall kündigten Widerstand an, Bundeskanzler Friedrich Merz bestellte VW-Chef Oliver Blume ins Kanzleramt. Beim Autozulieferer Bosch kommt es parallel zu einem Führungswechsel: Stefan Hartung tritt überraschend als CEO zurück, sein Vize Christian Fischer übernimmt den Spitzenposten ab 1. Juli. Hartung hatte den Posten erst seit 2023 inne. Der Stellenabbau bei VW wäre der grösste in der deutschen Industriegeschichte seit der Wiedervereinigung 1990. Auch der Personalvermittler Adecco mit Schweizer Wurzeln beobachtet die Entwicklung mit Sorge, ein Stellenabbau in dieser Grössenordnung hätte unmittelbare Auswirkungen auf den europäischen Arbeitsmarkt für Ingenieure und Produktionsspezialisten, besonders in den Grenzregionen zur Schweiz.
Trump droht Europa wegen Digitalsteuer-Plänen mit einem Zoll von 100 Prozent. Auslöser sind Vorhaben einzelner EU-Staaten, amerikanische Tech-Konzerne stärker zu besteuern. Konkret geht es um eine in Brüssel diskutierte Abgabe auf digitale Werbeerlöse, die besonders US-Plattformen treffen würde. Die EU-Kommission reagierte prompt und kündigte Gegenmassnahmen im Rahmen ihres Streitbeilegungsmechanismus an. Der Streit könnte den gesamten transatlantischen Handel belasten, auch Schweizer Unternehmen mit US-Geschäft wären betroffen, darunter Logistikkonzerne, Pharmalieferanten und die Uhrenindustrie. Die Schweizer Wirtschaftsdirektion beobachtet die Verhandlungen nach eigenen Angaben «mit grosser Aufmerksamkeit». Betroffen wären indirekt auch die Schweizer Verhandlungen über ein neues Digitalabkommen mit der EU, das seit Monaten auf Eis liegt.
Israel und der Libanon haben unter US-Vermittlung ein Rahmenabkommen unterzeichnet. Es soll die seit Monaten anhaltenden Grenzgefechte beenden und sieht eine schrittweise Demilitarisierung des Grenzgebiets vor. Die Hizbullah-Miliz signalisierte bereits Ablehnung und sprach von einem «Verrat». In Beirut kam es am späten Freitagabend zu Protesten gegen die Vereinbarung, mehrere 1'000 Menschen zogen durch das Regierungsviertel. Die USA sehen den Deal als «ersten Schritt» zu einer dauerhaften Stabilisierung der Region, Aussenminister Marco Rubio reiste am Wochenende in die Region. Für die Schweizer Vermittlungsdiplomatie, die sich seit 2024 um Waffenstillstandsmodalitäten bemüht, ist die Entwicklung ein wichtiger Aussenposten. Die Wirtschaft erhofft sich eine Wiederaufnahme des grenzüberschreitenden Handels, der seit dem Ausbruch der Kämpfe im Jahr 2023 praktisch zum Erliegen gekommen ist.
In der Ukraine hat Präsident Wolodymyr Selenskyj Russland einen neuen Friedensvorschlag übermittelt. Details wurden nicht veröffentlicht, Selenskyj sprach von einem «detaillierten Paket» zu Sicherheitsgarantien und territorialen Fragen. Auf der annektierten Halbinsel Krim verhängte Russland nach ukrainischen Drohnenangriffen den Notstand, mehrere Öl-Depots in Sewastopol brannten. Russische Truppen äussern laut Recherchen russischer Medien zunehmend Zweifel an der Kriegsführung des Kreml, ein anonymer Offizier sprach von «aussichtslosen Stellungskriegen». Am Samstag trifft sich Wladimir Putin mit dem belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko in Minsk, Gespräche über eine vertiefte militärische Zusammenarbeit werden erwartet. Die EU kündigte unterdessen an, wehrfähigen Ukrainern künftig keinen Schutzstatus mehr zu gewähren, was die Rückkehrquote erhöhen könnte.
Europa erlebt die schlimmste Hitzewelle des Jahres. In Deutschland wurde mit 41,3 Grad ein neuer Allzeitrekord gemessen, in Basel 38,8 Grad, der höchste Juni-Wert seit Messbeginn im Jahr 1864. Das Kernkraftwerk Beznau im Aargau wurde wegen der zu warmen Aare heruntergefahren, der Reaktor drosselte die Leistung um rund 30 Prozent. In Paris gilt ein Alkoholverbot im öffentlichen Raum, Grossveranstaltungen wie Open-Air-Konzerte werden abgesagt. Météo-France erwartet Entspannung erst Anfang nächster Woche, wenn atlantische Tiefdruckgebiete die Luftmassen nach Süden drängen. In der Schweiz gilt in mehreren Kantonen ein absolutes Feuerverbot im Wald, die Zahl der Hitzetoten in Europa wird von der WHO auf mindestens 2'300 seit Wochenbeginn geschätzt. Die landwirtschaftlichen Ernteausfälle in Süddeutschland und der Schweiz werden auf mehrere 100 Mio. Franken taxiert.
An der Fussball-WM in den USA, Mexiko und Kanada beginnt die K.o.-Phase. Spanien und Frankreich stehen als Gruppensieger fest, Kap Verde schaffte als einer der ersten afrikanischen Teilnehmer den Sprung ins Sechzehntelfinale. Saudi-Arabien und Uruguay sind ausgeschieden, ebenso Ägypten und der Iran, deren Spieler eine Pride-Binde verweigerten. Deutschlands Gegner steht ebenfalls fest: Paraguay wartet auf die Mannschaft von Bundestrainer Julian Nagelsmann, gespielt wird am Sonntagabend in Houston. Schweizer Goalie Gregor Kobel kündigte unterdessen an, mit «acht Paar Handschuhen» für den maximalen Erfolg in die K.o.-Phase zu gehen. Die ersten Sechzehntelfinals werden am Samstagabend in Miami und Boston ausgetragen, beide Stadien sind mit 65'000 Plätzen ausverkauft. Die Schweizer Nati, die nach der Gruppenphase ausgeschieden ist, plant bereits die Kaderrunderneuerung mit Blick auf die Heim-EM 2028.
Die Schweizer Wirtschaft zeigt sich trotz Hitze robust. Die Industriekonzern-Arbeitgeber haben angekündigt, die CO2-Ziele bei Neuwagen mit einem CHF 100 Mio.-Förderprogramm von Bundesrat Albert Rösti zu unterstützen. Die Massnahme ist an die Bedingung geknüpft, dass die Hersteller bis 2028 mindestens 25 Prozent ihrer Neuwagenflotte als Voll-Elektroautos ausliefern. Der Genfer Regierungsrat zieht nach dem G7-Gipfel eine positive Bilanz, geriet aber wegen eines Polizeieinsatzes gegen Demonstrierende in die Kritik. Die Feuerwerksinitiative kommt voraussichtlich am 22. November zur Abstimmung, der Bundesrat hat den Termin am Freitagabend bestätigt. Der Schweizer Aktienmarkt startet am Berichtstag mit leichten Verlusten von 0,4 Prozent in den Handel.
In den USA hat New York City die Mieten für rund 1 Mio. Wohnungen eingefroren. Bürgermeister Zohran Mamdani feierte den Entscheid des Housing Board als Sieg für die Mieter und kündigte weitere Mietdeckelungen an. Die Massnahme betrifft etwa 1 Mio. Wohneinheiten, die unter das Rent Stabilization Law fallen. John Bolton, ehemaliger Nationaler Sicherheitsberater Trumps, hat sich vor einem Bundesgericht schuldig bekannt, geheime Dokumente unsachgemäss behandelt zu haben. Das Strafmass steht noch aus, Bolton drohen bis zu 10 Jahre Haft. Im US-Bundesstaat Texas sollen biblische Geschichten ab dem Schuljahr 2027/28 Pflichtlektüre an öffentlichen Schulen werden, was eine Klagewelle von Bürgerrechtsorganisationen erwarten lässt. Die Baumarktkette BayWa hat zudem Insolvenz angemeldet, 46 Standorte in Bayern und weiteren Bundesländern sind betroffen und rund 1'800 Mitarbeitende bangen um ihre Arbeitsplätze.
Microsoft verlängert die Sicherheitsupdates für Windows 10 bis Oktober 2027. Damit reagiert der Konzern auf den anhaltenden Widerstand gegen die erzwungene Migration auf Windows 11. Schätzungen zufolge nutzen noch immer mehrere 100 Mio. Geräte das ältere Betriebssystem, weil die strengeren Hardware-Anforderungen von Windows 11 viele PCs ausschliessen. Gleichzeitig stellten rund 400 US-Zeitungen eine Sammelklage gegen Microsoft und OpenAI wegen unerlaubter Nutzung von Inhalten für das Training von KI-Modellen ein. Die Klageschrift wirft den Konzernen Urheberrechtsverletzungen in Milliardenhöhe vor und fordert Schadenersatz sowie eine Unterlassungserklärung. Auch die NZZ berichtet über laufende Schweizer Verfahren gegen OpenAI wegen unerlaubter Nutzung von SDA- und Tamedia-Inhalten, ein erstes Urteil wird im Herbst erwartet. Die Zürcher ETH wiederum hat in einer Studie nachgewiesen, dass die grossen KI-Modelle zu einem erheblichen Teil auf europäischen Pressetexten trainiert wurden, ohne dass Lizenzzahlungen flossen.
Der ranghöchste US-Heeresoffizier in Europa, General Chris Donahü, hat nach nur 18 Monaten im Amt seinen Posten geräumt. Hintergrund ist der Umbau des Pentagon durch Verteidigungsminister Pete Hegseth, der seit Amtsantritt im Januar mehrere Dutzend Spitzenmilitärs ausgetauscht hat. Donahü war zuletzt Kommandeur der US-Landstreitkräfte in Europa und Afrika und galt als Architekt der Nato-Ostflanken-Verstärkung. Sein Abgang wirft Fragen zur Kontinuität der amerikanischen Sicherheitspolitik gegenüber Russland auf, gerade während die Ukraine-Verhandlungen in eine heisse Phase treten. In den italienisch-amerikanischen Beziehungen kriselt es parallel: Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Präsident Trump lieferten sich am Rande des G7-Gipfels einen öffentlichen Schlagabtausch über die Zukunft der Nato und die Rolle Europas. Meloni sprach hinterher von einem «sehr schwer zu reparierenden Vertrauensbruch», Italien bleibt als drittgrösste Volkswirtschaft der Eurozone ein wichtiger Handelspartner der Schweiz mit Exporten im Wert von jährlich rund CHF 14 Mrd.
Die Märkte heute
Zum Start in den Samstag zeigen sich die globalen Aktienmärkte unter Druck. Der MSCI World Index notiert bei 4'744 Punkten, ein Minus von 1,6 Prozent. Der Goldpreis fällt um 1,9 Prozent auf 4'103 USD pro Unze. Bitcoin zieht um 3,0 Prozent an auf 60'215 USD. Der Euro steht bei 0,9218 Franken, der US-Dollar bei 0,8085 Franken (jeweils EZB-Referenz vom Vortag).
Ausblick
Am Samstagabend stehen die ersten WM-Sechzehntelfinals an. In der Schweiz bringt der Samstag weiterhin Höchsttemperaturen um 36 Grad, bevor zur Wochenmitte kühleres Wetter erwartet wird. Die Entwicklung im Nahen Osten bleibt volatil: Sollte die Waffenruhe weiter bröckeln, ist mit einer Eskalation der Öl- und Rohstoffpreise zu rechnen, was sich direkt auf die Schweizer Benzinpreise auswirken dürfte. In Berlin stehen die Tarifverhandlungen bei Volkswagen unter scharfer Beobachtung der Bundesregierung, ein Krisengipfel im Kanzleramt ist für Montag angesetzt. In Caracas laufen die Sucharbeiten weiter, internationale Hilfe wird zentralisiert. Die SNB veröffentlicht am Donnerstag die neuen Inflationszahlen für die Schweiz, Analysten erwarten einen Anstieg auf 1,8 Prozent. Die Schweizer Börse SMI dürfte am Berichtstag mit leichter Schwäche in die neue Woche starten, der US-Leitindex Dow Jones schloss am Freitagabend mit einem Minus von 0,8 Prozent. Am Sonntag öffnet das Open Air St. Gallen seine Tore für den Festival-Samstag, gleichzeitig wird in München die erste Sitzung des neuen Bayerischen Wirtschaftsrates erwartet, in dem auch Vertreter der Schweizer Grenzregion Einsitz nehmen werden.