Hitze, Beben, Börsen-Blues. Der Tag in 13 Signalen
Venezuela beklagt 589 Tote nach den Erdbeben, VW plant den grössten Stellenabbau der Firmengeschichte, und die Börsen rauschen weltweit ab.
Hitze, Beben, Börsen-Blüs. Der Tag in 13 Signalen
Donnerstag, 26. Juni 2026, 18 Uhr. Eine Hitzewelle legt Europa lahm, Venezuela kämpft nach zwei schweren Erdbeben um seine Toten, und die Börsen rund um den Globus geben weiter nach. Dazwischen: ein Fussball-Abend mit brisantem Gruppenfinale, eine neue Runde im Ringen um den OpenAI-Börsengang und ein erstes politisches Erdbeben in der deutschen Migrationsdebatte. Die wichtigsten Signale des Tages.
1. Venezuela: Zahl der Toten steigt auf 589. Nach den zwei schweren Erdbeben der Stärke 6,2 und 6,6 vom Vortag im Nordwesten des Landes hat die Regierung die Opferzahl auf 589 nach oben korrigiert. Rettungskräfte suchen weiter nach Vermissten in den Trümmern der Städte Mene Grande und Caja Seca im Bundesstaat Zulia. Mehrere Krankenhäuser in der Region sind überlastet, Trinkwasser und Medikamente werden knapp. Schweizer Rettungsteams sind nach Angaben von Rega und dem Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe (SKH) bereits vor Ort im Einsatz, zudem hat Bern humanitäre Soforthilfe in Höhe von 4 Millionen Franken angekündigt. Auch deutsche Hilfsorganisationen kündigten am Donnerstag den Aufbau eines Feldlazaretts an. Die Regierung von Nicolás Maduro sprach von einem «Stresstest für das Regime» in Caracas, Beobachter sehen darin eine ernste Belastungsprobe für die ohnehin fragile Versorgungslage (NZZ, Tagesschau, Reuters).
2. Volkswagen plant Abbau von bis zu 100'000 Stellen. Der VW-Vorstand legt nach Informationen der «Tagesschau» und des «Handelsblatts» einen Plan vor, der den Abbau von bis zu 100'000 Arbeitsplätzen und die Schliessung von vier Werken in Deutschland vorsieht. Es wäre der grösste Stellenabbau in der Geschichte des Konzerns. Betriebsrat und IG Metall reagierten mit scharfer Kritik und kündigten Widerstand an. Zeitgleich verschärft Mercedes-Benz seinen Sparkurs und kündigt eine Verschiebung mehrerer Modellstarts an, der Fokus soll stärker auf margenstarke Oberklasse-Fahrzeuge gelegt werden. Die Branche spricht von einer «Zeitenwende für den Standort Deutschland». Die deutsche Autoindustrie, seit Jahrzehnten das Rückgrat der industriellen Wertschöpfung, verliert weiter an Boden gegenüber asiatischen und amerikanischen Wettbewerbern, gleichzeitig steigt der Druck auf die Politik in Berlin, mit gezielten Subventionen oder Energiepreis-Entlastungen zu reagieren. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck kündigte für die kommende Woche einen Industriegipfel an (Tagesschau, NZZ, FAZ, Handelsblatt).
3. Hitzewelle: «Heat Dome» bringt bis zu 42 Grad, Frankreich befürchtet Hitzetote. Eine stationäre Hochdruckzone über Mitteleuropa hält die Temperaturen verbreitet über 40 Grad. Der Deutsche Wetterdienst warnt vor «Hitzedom»-Bedingungen und rechnet am Sonntag mit heftigen Gewittern und Temperaturstürzen um bis zu 15 Grad. In Frankreich melden Behörden eine steigende Zahl hitzebedingter Todesfälle, besonders unter älteren Menschen in den nördlichen Départements. In der Schweiz gilt seit Donnerstag ein Feuerverbot im Wald, weil die Böden komplett ausgetrocknet sind. Klimaanlagen sind in vielen Städten ausverkauft, Lieferzeiten von mehreren Wochen. Der Bundesrat empfahl älteren Personen, tagsüber in kühlen Räumen zu bleiben (Tagesspiegel, Tagesschau, SRF).
4. Wirtschaftsausblick: US-PCE-Preisindex am Freitag im Fokus. Die Aufmerksamkeit der globalen Anleger richtet sich bereits auf den am Freitagnachmittag (MESZ) anstehenden US-PCE-Preisindex, das bevorzugte Inflationsmass der US-Notenbank. Volkswirte erwarten für Mai einen Anstieg der Kernrate auf 2,7 Prozent im Jahresvergleich. Die US-Notenbank Fed wird nach Einschätzung der grossen Mehrheit der von Bloomberg befragten Ökonomen ihre Leitzinsen in diesem Jahr unverändert lassen, obwohl die Finanzmärkte zunehmend auf eine Erhöhung im September wetten. Hintergrund sind divergierende Signale aus dem Arbeitsmarkt und der Industrieproduktion. Die EZB hatte ihren Leitzins Mitte Juni erstmals seit fast drei Jahren auf 2,25 Prozent angehoben, die Folgen für Tagesgeld, Ratenkredite und Baufinanzierungen schlagen nun zunehmend auf die Schweiz durch, vor allem bei variablen Hypotheken (Bloomberg, Reuters, Handelsblatt, FuW).
5. Asien-Crash weitet Wall-Street-Ausverkauf aus. Die asiatischen Börsen gaben am Donnerstag weiter nach, der Nikkei 225 in Tokio schloss mit Verlusten von über 3 Prozent, der Hang Seng in Hongkong verlor zeitweise mehr als 4 Prozent. Damit weitet sich der Ausverkauf der US-Technologiebörsen vom Vortag auf die ganze Breite der Weltmärkte aus. Der MSCI World Index notiert am späten Nachmittag deutlich im Minus (siehe Markt-Block). Auslöser sind enttäuschende US-Konjunkturdaten vom Mittwoch und wachsende Sorgen über eine neuerliche Zinserhöhung der US-Notenbank im September. Der Schweizer Leitindex SMI verlor im Verlauf des Nachmittags rund 1,8 Prozent, auch der deutsche DAX notierte deutlich im Minus. Auffällig ist die breite Schwäche über alle Sektoren hinweg, was auf eine globale Risikoaversion hindeutet. Gold, zuletzt als Krisenwetter gefragt, gibt entgegen dem Trend ebenfalls nach (Yahoo Finance, Reuters, FuW).
6. OpenAI verschiebt den grossen IPO auf 2027. Der ChatGPT-Entwickler OpenAI hat seinen lange angekündigten Börsengang nach Informationen des «Wall Street Journal» und von Bloomberg auf das Jahr 2027 verschoben. Eine Bewertung von einer Billion Dollar, wie sie zuletzt im Raum stand, sei im aktuellen Marktumfeld nicht durchsetzbar. Der Konzern von Sam Altman war zuletzt mit internen Turbulenzen, einer verschärften US-Exportkontrolle für das neue Modell GPT-5.6 und einem Abgang von Spitzenpersonal konfrontiert. Allein in den vergangenen Wochen verliessen drei leitende Forscher das Unternehmen, darunter Gemini-Co-Leiter Noam Shazeer, der von Google zu OpenAI gestossen war. Die Verschiebung gilt als Rückschlag für die gesamte KI-Branche, die sich auf den Mega-IPO als Bewertungs-Anker verlassen hatte. Auch der parallel laufende SpaceX-Börsengang steht laut Insidern unter Druck, die ursprünglichen Erwartungen an den Ausgabekurs seien nicht mehr haltbar (Bloomberg, Reuters, Handelsblatt).
7. US-Regierung bremst OpenAI GPT-5.6. Das Weisse Haus hat am Donnerstag eine Exportkontrollverfügung erlassen, die die Veröffentlichung des neuen Sprachmodells GPT-5.6 für den zivilen Markt vorerst blockiert. Hintergrund sind Sicherheitsbedenken der NSA und des Department of Defense. Auch Microsoft, das GPT-5.6 in seine Copilot-Produkte integrieren wollte, ist betroffen. Anthropic hatte unterdessen tags zuvor die Integration «Claude Tag» für Slack mit dem Modell Opus 4.8 gestartet, ein Zeichen dafür, dass der Wettbewerb um Enterprise-Kunden in eine neue Runde geht. Branchenbeobachter werten die Exportkontroll-Debatte als Auftakt zu einem umfassenden Ringen um die Frage, wie viel KI-Leistung die USA noch ins Ausland abgeben wollen (Reuters, Bloomberg, heise online).
8. Anthropic wirft Alibaba KI-Diebstahl vor. Der KI-Konzern Anthropic hat am Donnerstag dem chinesischen Tech-Riesen Alibaba öffentlich vorgeworfen, Trainingsdaten aus den Modellen Claude 4 und 4.8 systematisch extrahiert zu haben. Die Alibaba-Aktie fiel daraufhin an der Hongkonger Börse auf ein 16-Monats-Tief, der Konzern verlor in der Spitze rund 12 Milliarden US-Dollar an Börsenwert. Der Vorgang verschärft die Spannungen im globalen KI-Wettrüsten und dürfte die laufenden Exportkontroll-Debatten in Washington weiter anheizen. Gleichzeitig geriet der gesamte asiatische Tech-Sektor unter Druck, da Investoren das Risiko weiterer Plagiatsvorwürfe einpreisten. Alibaba wies die Vorwürfe als «haltlos» zurück und kündigte eine eigene Stellungnahme an (Bloomberg, FAZ, Süddeutsche Zeitung).
9. Fussball-WM: Deutschland verliert 1:2 gegen Ecuador und zittert. Die deutsche Nationalmannschaft hat am Donnerstagabend in Miami ihr drittes Gruppenspiel gegen Ecuador mit 1:2 verloren. Das entscheidende Tor erzielte Plata in der 78. Minute nach einem Stellungsfehler von Torhüter Manuel Neuer, der danach laut «Sky» und «Spiegel» seine Schuld zurückwies. Bundestrainer Julian Nagelsmann steht vor dem Einzug in die K.o.-Runde unter Druck. Wahrscheinlicher Gegner in der nächsten Runde ist Paraguay. Im Parallelspiel stehen sich am späten Donnerstagabend (MEZ) Norwegen um Erling Haaland und Frankreich um Kylian Mbappé gegenüber, das Spitzendüll der Gruppe I. Das Spiel wird von tiefer Trauer überschattet, nachdem beide Mannschaften in den vergangenen Tagen Todesfälle im persönlichen Umfeld zu beklagen hatten. Im Lager Uruguays brodelt es unterdessen: Spieler um Kapitän Federico Valverde haben vor dem Gruppenfinale gegen Spanien offenbar einen Aufstand gegen Trainer Marcelo Bielsa gestartet, wie «Stern» und «Sportschau» unter Berufung auf spanische und argentinische Medien berichten (Kicker, Spiegel, Eurosport, Sky).
10. Israel fordert Evakuierung einer libanesischen Stadt, Uno will Zugang zu Iran. Israel hat am Donnerstag die Bevölkerung der südlibanesischen Stadt Khiam zur sofortigen Evakuierung aufgerufen. Die Uno-Atomenergiebehörde IAEA verhandelt unterdessen mit der iranischen Regierung über den Zugang zu den Atomanlagen in Natanz und Fordo, wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Diplomaten in Wien berichtete. Gleichzeitig warf das iranische Aussenministerium den USA vor, mit ihrer «Militärpräsenz im Golf» die Spannungen in der Region zu schüren. Die indirekten Verhandlungen zwischen Washington und Teheran über ein neues Atomabkommen stocken seit Wochen (Reuters, NZZ).
11. EU will Schutzstatus für wehrfähige Ukrainer beenden. Die EU-Kommission bereitet nach Informationen der «Welt» und der «FAZ» einen Vorschlag vor, den vorübergehenden Schutzstatus für wehrfähige ukrainische Männer zwischen 23 und 60 Jahren auslaufen zu lassen. Damit soll die Rückkehr weiterer ukrainischer Wehrpflichtiger ermöglicht werden, ohne die EU-Flüchtlingsstandards grundsätzlich aufzuweichen. Zeitgleich tauschten Kiew und Moskau am Donnerstag erneut Kriegsgefangene aus, die Zahl der in den vergangenen Wochen übergebenen Soldaten wird auf rund 250 beziffert. Vor dem NATO-Gipfel in Den Haag lieferten sich der tschechische Präsident Petr Pavel und Regierungschef Andrej Babis einen offenen Machtkampf um die künftige Aussenpolitik Prags. Beobachter werten den Vorgang als Punktsieg für Pavel, der den NATO-Kurs gegen russische Annäherung verteidigte (Welt, Reuters, Tagesschau).
12. Schweiz: Feuerverbote, Klimaanlagen-Boom, Schuldenfalle Ehe. Im Kanton Zürich gilt seit Donnerstag ein Feuerverbot im Wald und in Waldesnähe, weitere Kantone dürften folgen. Die Behörden raten, im Freien aufs Feuermachen zu verzichten. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Klimaanlagen sprunghaft an, die Regale in den Fachmärkten sind weitgehend leer, Händler in Bern und Basel melden Lieferzeiten von drei bis fünf Wochen. Politisch sorgt die Sommersession des Bundesparlaments für Diskussionen: Die SP Schweiz unterstützt die drei nach der Sommersession ergriffenen Referenden, darunter eines gegen die geplanten Steuererleichterungen für gutverdienende Doppelverdiener-Ehepaare, die unter dem Stichwort «Schuldenfalle Ehe» kritisiert werden. Der Bundesrat weilte am Donnerstag im Bezirk Aigle im Waadtland zu einer Bootsfahrt auf der Rhone, Teil seiner alljährlichen «Reisetage». In Zürich sorgte unterdessen ein Bericht für Aufsehen, wonach die Stadt im Städteranking abgestiegen ist, vor allem wegen der Wohnkrise und steigender Mieten (NZZ, SRF, FuW).
13. Novartis erhält positive EMA-Stellungnahme. Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA hat für ein neues Medikament von Novartis Europharm gegen Hypercholesterinämie eine positive Stellungnahme abgegeben. Es handelt sich um einen PCSK9-Hemmer der zweiten Generation, der bei Patienten mit erhöhtem LDL-Cholesterin trotz Standardtherapie eingesetzt werden soll. Die endgültige Zulassung durch die EU-Kommission wird in den nächsten Monaten erwartet. Analysten sehen für das Präparat ein jährliches Umsatzpotenzial im niedrigen einstelligen Milliardenbereich. An der Schweizer Börse geriet die Novartis-Aktie am Vormittag dennoch unter Druck und notierte leichter, während die UBS-Aktie im Verlauf des Nachmittags deutlich abgab. Der Pharmakonzern Roche hatte zuvor angekündigt, eine eigene Pipeline-Erweiterung in der Stoffwechselmedizin voranzutreiben (Novartis, FuW, NZZ).
Die Märkte heute
Der Schweizer Franken zeigt sich am späten Nachmittag stabil in einem insgesamt nervösen Umfeld: 1 Euro kostet 0,9218 Franken, 1 US-Dollar 0,8085 Franken (Frankfurter / EZB-Referenz). Gold gibt um 1,87 Prozent nach auf 4'103,50 US-Dollar pro Unze, nach einer mehrwöchigen Rekordrally. Der MSCI World Index verliert 1,68 Prozent auf 4'740,98 Punkte und spiegelt den weltweiten Risikoausverkauf an den Aktienmärkten. Bitcoin notiert bei 59'537 US-Dollar, ein Plus von 0,2 Prozent gegenüber dem Vortag, gestützt durch Spekulationen auf eine Lockerung der US-Geldpolitik in den kommenden Quartalen (CoinGecko, Yahoo Finance).
Ausblick auf morgen
In der Schweiz veröffentlicht das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) am Freitag die Konjunkturprognosen für das zweite Quartal, die Volkswirte erwarten eine Bestätigung des robusten Wachstums von rund 1,4 Prozent im Jahresvergleich. In Deutschland tagt der Bundesrat, auf der Agenda stehen Entlastungen für die Energiekosten und ein neues Migrationsabstimmungsgesetz. An den Börsen bleiben die Augen auf den US-PCE-Preisindex gerichtet, der am Nachmittag das wichtigste Inflationssignal der Woche liefern wird. Sportlich startet in Wimbledon die erste Runde, mit den topgesetzten Spielern um Jannik Sinner und Carlos Alcaraz. Und in Venezuela dauert die Suche nach Überlebenden in den Erdbebengebieten an, weitere internationale Hilfslieferungen werden erwartet.