Kongress bremst Trumps Iran-Krieg, Hitzewelle hält Europa in Atem
US-Repräsentantenhaus verabschiedet erstmals War Powers Resolution gegen den Iran-Einsatz, Oracle streicht 21'000 Stellen, England enttäuscht bei der WM gegen Ghana.
Kongress bremst Trumps Iran-Krieg, Hitzewelle hält Europa in Atem
Der US-Kongress hat in der Nacht auf Mittwoch zum ersten Mal in der laufenden Legislaturperiode eine War Powers Resolution gegen einen von Präsident Donald Trump geführten Krieg verabschiedet. Das Repräsentantenhaus richtete sich damit gegen den Militäreinsatz im Iran, den Trump ohne formelle Kriegserklärung angeordnet hatte. Die Resolution ist rechtlich weitgehend symbolisch, weil Trump ein Veto in Aussicht stellte. Politisch erhöht sie aber den Druck auf das Weisse Haus, den Konflikt zu beenden und vor dem Kongress rechenschaftspflichtig zu werden. Zeitgleich warnte Aussenminister Marco Rubio die iranische Führung, keine Schiffsgebühren in der Strasse von Hormuz zu erheben. "Kein Land darf Maut für die freie Durchfahrt verlangen", sagte Rubio am Dienstagabend in Washington. Im Hintergrund steht ein vor wenigen Tagen unter Vermittlung der Schweiz in Genf ausgehandeltes Abkommen zwischen Washington und Teheran, das einen Waffenstillstand festigt und binnen 60 Tagen in ein umfassendes Abkommen münden soll. Der NZZ-Podcast Geopolitik wertet das Resultat kritisch: Der Iran-Experte Simon Wolfgang Fuchs sieht das Regime in Teheran als heimlichen Sieger, weil die USA "fast alle ihre Kriegsziele verfehlt" hätten (BBC, NZZ).
Die Lage in der Meerenge bleibt dennoch angespannt. Die Vereinten Nationen kündigten an, gestrandete Seeleute aus der Strasse von Hormuz zu evakuieren, nachdem der Schiffsverkehr seit dem US-iranischen Abkommen wieder deutlich zugenommen hat. Am Samstag allein passierten 42 Schiffe die Route. Am Dienstag zogen weitere Dutzend Frachter durch die Wasserstrasse, die zwischen dem Iran und Oman liegt und rund ein Fünftel des weltweiten Ölhandels abwickelt. Eine Sperrung hätte unmittelbare Folgen für die Treibstoffpreise in Europa und damit auch für die Schweiz (BBC).
In Westeuropa hat die Hitzewelle in der zweiten Juniwoche dramatische Spuren hinterlassen. Frankreichs Premierminister Sébastien Lecornu sprach am Dienstagabend von 40 hitzebedingten Ertrinkungstoten seit Donnerstag. Für rund die Hälfte des Landes gelten rote Hitzewarnungen, Météo-France sprach von einer der intensivsten Hitzewellen seit Messbeginn. Auch in Spanien und Italien stiegen die Temperaturen auf Werte über 40 Grad. In Wisley im Süden Englands mass das Met Office am Dienstag 34,6 Grad, Schottland und Nordirland meldeten ihre heissesten Tage des Jahres. Hunderte britische Schulen kündigten für Mittwoch Schliessungen an, Schienenverkehr und Luftfahrt litten unter den Temperaturen. In London werden am Mittwoch die neuesten Inflationsdaten erwartet, Beobachter rechnen mit einem Anstieg der Teuerung wegen steigender Lebensmittelpreise (BBC).
Die Deutsche Bahn traf in der Nacht ein landesweiter Stillstand wegen einer IT-Störung im digitalen Bahnfunk. Mehr als zweieinhalb Stunden lang standen die Züge auf allen grossen Knoten, der Fern- und Güterverkehr kam vollständig zum Erliegen. Am Morgen lief der Betrieb nur schrittweise wieder an, Verspätungen und einzelne Ausfälle dauerten an. Der Fahrgastverband Pro Bahn forderte eine genaue Aufklärung der Ursache. Für den Mittwoch erwartet die Bahn laut Eigenangaben wieder "weitgehend normalen Betrieb", die genauen Folgen für den Pendelverkehr zwischen Zürich und München oder den Niederlanden waren am frühen Morgen noch unklar (BBC, NZZ).
Die Tech-Branche steht unter Druck. Der US-Konzern Oracle kündigte am Dienstag den Abbau von 21'000 Stellen an. Begründung von Konzernchefin Safra Catz: Das Unternehmen investiert Milliarden in KI-Rechenzentren und braucht dafür Kapital und eine schlankere Struktur. Die Nachricht schickte eine Welle durch die US-Börsen. Der breite Verkauf von Tech-Schwergewichten liess die Kurse purzeln, weil Anlegerinnen und Anleger die Nachhaltigkeit des KI-Booms hinterfragen. Microsoft, Meta, Google und Amazon stehen in den kommenden Wochen mit ähnlichen Investitionssummen am Markt. Der MSCI World verlor am Dienstag 1,74 Prozent auf 4750,1 Punkte. Die Stimmung an der Wall Street kippte, nachdem bereits am Montag Nvidia-CEO Jensen Huang vor "Übertreibungen" im KI-Capex gewarnt hatte (BBC, Reuters, Marktdaten).
Der Social-Media-Konzern Meta stoppte unterdessen ein internes Programm, das Mitarbeiter für das Training von KI-Modellen getrackt hatte. Datenschutzbedenken hatten sich intern zugespitzt, das Programm werde "bis auf weiteres ausgesetzt", hiess es aus dem Unternehmen. Der Schritt kommt mitten in einer breiten Debatte über den Umgang mit Mitarbeiterdaten für KI-Training und folgt auf ähnliche Diskussionen bei Amazon und Microsoft. In Grossbritannien war am Montag der oberste Daten- und KI-Regulator Stephen Almond nach Vorwürfen "unangemessenen Humors" zurückgetreten (BBC).
Im Streit zwischen China und den USA reicht die nächste Klage: Der Onlinehändler Alibaba zieht gegen die Aufnahme auf eine US-Liste chinesischer Unternehmen mit Verbindungen zur Volksbefreiungsarmee vor Gericht. Das Verteidigungsministerium unter Verteidigungsminister Pete Hegseth hatte den Konzern auf die schwarze Liste gesetzt, was US-Firmen Geschäfte mit Alibaba erschwert und in Peking als protektionistischer Schritt gilt. China wiederum holt im Wettrennen um die schnellsten Supercomputer den Spitzenplatz zurück, den zuletzt die USA innehatten. Auf der neuen Top-500-Liste dominieren chinesische Systeme, angetrieben von heimischer Chip- und Architekturtechnik. Für die Schweiz relevant: Nvidia und andere westliche Chip-Hersteller verlieren dadurch weiter an Boden im lukrativen chinesischen Markt (BBC, Al Jazeera).
In Mitteleuropa formiert sich nach dem Sturz von Viktor Orban in Ungarn eine neue Visegrad-Gruppe. Der ungarische Oppositionsführer Peter Magyar, der im April die Parlamentswahl deutlich gewonnen hatte, belebt das Viererbündnis mit Tschechien, der Slowakei und Polen wieder. Auch die engsten Orban-Verbündeten, der tschechische Premier Andrej Babis und der slowakische Premier Robert Fico, zeigen Interesse an einer Neuauflage ohne den alten starken Mann. Magyar plant ein erstes Treffen noch im Sommer, wie die NZZ aus Budapest erfuhr (NZZ).
Auch die Schweiz prägt die Morgen-Schlagzeilen. Der nationale Finanzausgleich zwischen den Kantonen wächst im Jahr 2027 sprunghaft um rund eine halbe Milliarde Franken. Treiber sind aussergewöhnlich hohe Steuereinnahmen ressourcenstarker Kantone und gleichzeitig steigende Sozialausgaben in ressourcenschwachen Kantonen. Die Schere zwischen reichen und armen Kantonen öffnet sich weiter, obwohl das Gesetz das Gegenteil verlangt. Besonders deutlich fällt der Vergleich zwischen Zug und dem Jura aus: Pro Kopf zahlt Zug über 6000 Franken in den Ausgleich ein, der Jura bezieht einen ähnlich hohen Betrag. Im Parlament dürfte der Ausgleich in der Herbstsession ein Thema werden (NZZ).
In der Schweizer Startup-Szene bahnt sich derweil ein Stimmungswechsel an. Risikokapitalgeber aus dem Silicon Valley, die in der ersten Welle vor allem Internet und Software finanzierten, entdecken Hochtechnologie aus der Schweiz: Biotech, Robotik, Raumfahrt, Quantencomputer. Fonds wie Sequoia, Andreessen Horowitz und Founders Fund haben in den letzten zwölf Monaten verstärkt in ETH-Spin-offs und EPFL-Ausgründungen investiert. Die Verschiebung der Investitionsschwerpunkte weg von reinen Software-Deals kommt hier direkt an, weil die Schweiz in den genannten Tiefenbereichen eine hohe Dichte an Patenten und Ausgründungen aufweist (NZZ).
In der deutschen Reisebranche spricht der Chef der TUI, Sebastian Ebel, derweil über ein Comeback der Pauschalreise. "Der Begriff klingt altmodisch, ist aber ein sehr modernes Produkt", sagte Ebel der NZZ. Buchungen in Kriegs- und Krisenzeiten, in denen Individualreisen kompliziert würden, hätten den Umsatz 2025 deutlich gesteigert. Die Schweizer Hotelgruppe ist am Mittwoch zudem auf der Suche nach neuen Hotelstandorten im Mittelmeerraum. Der NZZ-Akzent-Podcast blickt derweil auf den russischen Oligarchen Roman Abramowitsch, der im Ukraine-Krieg als diskreter Vermittler zwischen Kiew und Moskau agiert. Sowohl Wladimir Putin als auch Wolodymyr Selenski vertrauen dem Multimilliardär, dessen Rolle über die Jahre an Bedeutung gewonnen hat (NZZ).
In der chinesischen Wirtschaftspolitik ortet die NZZ in einem Kommentar eine "sträfliche Nachlässigkeit" der Regierung in Peking. Weil die chinesischen Konsumentinnen und Konsumenten sparen statt zu kaufen, sinken die Löhne und die Zahl der Jobangebote. Die Bürger schnallen den Gürtel enger, das Reich der Mitte steckt in einem selbst verursachten Teufelskreis. Die Verschärfung des Stellenabbaus in China hat direkte Auswirkungen auf die Schweizer Uhren- und Luxusbranche, die mit schwächerer Nachfrage aus Asien rechnet (NZZ).
An der Fussball-Weltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und den USA hat Cristiano Ronaldo Geschichte geschrieben. Beim deutlichen Sieg Portugals gegen Usbekistan wurde der 41-jährige Stürmer von Al-Nassr der erste Spieler, der an sechs WM-Endrunden traf. Er traf doppelt, sagte danach "Ich bin zurück" und feierte mit Teamkollegen vor den gut 60'000 Zuschauern in Houston. Portugal steht damit vor dem Einzug in die K.o.-Runde. England kam derweil gegen Ghana nicht über ein 0:0 hinaus, das Team von Trainer Thomas Tuchel enttäuschte nach dem klaren Auftaktsieg gegen Kroatien. Kroatien schlug Panama mit 1:0, womit die Mittelamerikaner als erstes Team ausgeschieden sind. Kolumbien steht nach dem 1:0 gegen die Demokratische Republik Kongo in der Runde der letzten 32, Torschütze war Rafael Santos Borré (BBC Sport, Al Jazeera, NZZ).
In Grossbritannien zeichnet sich ein politischer Wechsel ab. Sollte Andy Burnham neuer Premierminister werden, würde die amtierende Finanzministerin Rachel Reeves nur noch ein Junior-Ressort erhalten. Das berichtet die BBC unter Berufung auf Labour-Insider. Burnham, Bürgermeister von Manchester und bekannt als "King of the North", gilt nach einer turbulenten Parteikonferenz als wahrscheinlichster Nachfolger von Premierminister Keir Starmer. Über Burnhams politische Ausrichtung ist bisher wenig bekannt, der Wechsel käme mitten in der Brexit-Folgenbewertung, die das Land zehn Jahre nach dem Austritt aus der EU beschäftigt (BBC, NZZ).
Im US-Bundesstaat Texas sind unterdessen acht Mitglieder einer Gruppe, die vom FBI als "Antifa Cell" eingestuft wird, zu insgesamt 450 Jahren Haft verurteilt worden. Sie hatten bei einem Anti-ICE-Aufstand im vergangenen Jahr einen Polizisten in den Hals geschossen. Die Urteile markieren einen der härtesten politischen Strafprozesse der jüngeren US-Geschichte. Ebenfalls in den USA sorgt eine Entscheidung des Supreme Court für Aufsehen: Ein rastafarianischer Häftling aus Louisiana darf seine Wärter, die ihm die Dreadlocks abgeschnitten hatten, nicht verklagen. In Australien hat eine 34-jährige Schwimmerin, die vor Coogee Beach in Sydney von einem Hai gebissen wurde und einen Arm verlor, nach mehr als einer Woche das künstliche Koma verlassen können. In Montreal starben am Dienstag ein Polizist, ein Zivilist und der Angreifer bei einer Schiesserei; es war der erste getötete Polizist im Dienst in der Stadt seit 24 Jahren (BBC).
Am Rande der Weltpolitik sorgen zwei weitere Nachrichten für Aufmerksamkeit: US-Präsident Donald Trump behauptete am Dienstagabend, die USA hätten die Kosten des Venezuela-Einsatzes "28-fach" wieder eingespielt, ohne Belege zu nennen. Die syrische Übergangsregierung wies Trumps Aufruf zurück, gegen die Hisbollah im Libanon vorzugehen. In Kenia hat Gesundheitsminister Aden Duale den Bau einer US-Ebola-Einrichtung vorerst gestoppt, offiziell wegen Sicherheitsbedenken (BBC, Al Jazeera).
Die Märkte heute: Der Goldpreis fiel am Dienstag deutlich um 3,35 Prozent auf 4082,6 USD je Unze, nachdem Anlegerinnen und Anleger Gewinne mitgenommen hatten. Der MSCI World verlor 1,74 Prozent auf 4750,1 Punkte. Bitcoin notierte bei 62'790 USD, ein Minus von 0,94 Prozent innert 24 Stunden. Der Euro fiel auf 0,9225 Franken, der US-Dollar auf 0,8098 Franken. Die Referenzkurse der EZB vom 23. Juni 2026 bilden die Grundlage für die Devisenangaben (EZB, Yahoo Finance, CoinGecko).
Ausblick auf den Tag: Im Fokus steht die Eröffnung der asiatischen Börsen nach dem schwachen US-Handel. Die Tokioter Börse eröffnet mit Verlusten, der Nikkei wird zur Stunde mit einem Minus von rund einem Prozent erwartet. In London veröffentlicht die britische Statistikbehörde die neuesten Inflationsdaten, in Deutschland beginnt nach Pfingsten die börsliche Handelswoche. In Bern tagt die zuständige Kommission zum nationalen Finanzausgleich, in Brüssel laufen die Verhandlungen über ein neues KI-Regelwerk weiter. An der WM stehen die letzten Gruppenspiele an, vier weitere Tickets für die K.o.-Runde werden vergeben.
Im Laufe des Tages rechnen Beobachter zudem mit ersten Reaktionen aus dem Silicon Valley auf die Oracle-Stellenstreichungen. Sollten weitere Tech-Konzerne dem Beispiel folgen, dürfte der Druck auf die grossen Indizes anhalten. In Bern wird am Nachmittag die SNB-Sitzung erwartet, im Vorfeld haben Ökonomen einen unveränderten Leitzins von 0,5 Prozent prognostiziert. In Frankfurt tagt der EZB-Rat, eine Zinssenkung um 25 Basispunkte gilt als möglich. Beide Entscheide fallen in der kommenden Woche, schon am Mittwoch dürften erste Signale aus den Reihen der Notenbanker die Kurse bewegen.