Diplomatie in Bewegung, Bern rüstet auf, KI formt den Arbeitsmarkt
USA-Iran-Gespräche begonnen, Bundesrat plant Drohnenbataillon und Olympia-Förderung, KI verändert 31 Prozent der Schweizer Jobs.
Diplomatie in Bewegung, Bern rüstet auf, KI formt den Arbeitsmarkt
Die USA und der Iran haben ihre erste direkte Verhandlungsrunde seit Ausbruch des Krieges beendet. In Bern bereitet der Bundesrat zwei sicherheitspolitisch und sportpolitisch weitreichende Beschlüsse vor. Gleichzeitig zeigen neue Studien, wie stark Künstliche Intelligenz den Schweizer Arbeitsmarkt verändert. Die Weltbörsen tendieren am Montag leicht schwächer, der Goldpreis fällt deutlich.
Iran/USA: Erste Gesprächsrunde beendet. Eine Delegation unter US-Sondergesandtem Steve Witkoff und dem iranischen Aussenminister Abbas Araghchi hat am Wochenende in Maskat die erste direkte Verhandlungsrunde seit Beginn der Eskalation geführt. Nach Angaben des US-Aussenministeriums wurden «ermutigende Fortschritte» erzielt. Die Gespräche sollen auf technischer Ebene in den kommenden Tagen fortgesetzt werden. Begleitet wird der Prozess vom Schweizer Aussendepartement EDA, das am Sonntag ein «Memorandum of Understanding» zwischen Washington und Teheran mitunterzeichnet hat. Die Schweizer Diplomatie sieht sich dabei in einer Brückenfunktion zwischen den Konfliktparteien. In Israel fällt die Reaktion verhaltener aus: Eine Umfrage der Tageszeitung «tachles» zeigt, dass 92 Prozent der israelischen Bevölkerung den Iran als Kriegssieger sehen. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu fordert weiterhin eine vollständige Aufgabe des iranischen Nuklearprogramms als Vorbedingung für jede Vereinbarung. Die US-Börsen reagierten verhalten, der Ölpreis fiel am Montagvormittag um 1,3 Prozent. (Kurier, NZZ, EDA, ZDFheute)
Israel: Verwundbare Energie, politisches Misstrauen. Die Wiederaufnahme der LNG-Produktion in der katarischen Anlage Ras Laffan, die in der Nacht auf Montag nach einer Explosion wieder angefahren wurde, macht die Verwundbarkeit der regionalen Energieinfrastruktur sichtbar. Nach katarischen Behördenangaben wurden 47 Arbeiter verletzt, die Anlage produziert seit Sonntagabend wieder mit 60 Prozent der Nennkapazität. Israelische Energiekonzerne und der staatliche Versorger haben unterdessen ein neues Schutzkonzept für die eigene Gasförderung in der östlichen Mittelmeerregion angekündigt. Die Versicherungsprämien für Tankertransporte durch die Strasse von Hormuz haben sich nach Angaben des Londoner Lloyd's-Marktes seit Mai verdreifacht, von 0,12 auf 0,38 Prozent des Transportwerts. Israelische Energie- und Versorgungsexperten befürchten zudem, dass die Wiederbelebung des Atomabkommens mit dem Iran das regionale Gleichgewicht weiter verschiebt. (Handelsblatt, Kurier)
Ukraine: Drohnenangriffe auf die Krim. In der Nacht auf Sonntag hat die ukrainische Luftwaffe die von Russland annektierte Halbinsel Krim mit Drohnenschwärmen überzogen. Nach Angaben der ukrainischen Generalbevollmächtigten Andrij Jermak wurden dabei mehrere Ziele im russischen Ölsektor getroffen, darunter zwei Treibstofflager bei Saky. Russische Behörden sperrten die Krim-Brücke für den Autoverkehr und stoppten vorübergehend den Benzinverkauf auf der Halbinsel. Im Gegenzug bombardierte Russland mehrere Wohnviertel in Charkiw, nach ukrainischen Angaben starben mindestens sieben Zivilisten. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius reist heute zu einer Bundeswehr-Übung nach Litauen, an der rund 8000 Soldaten teilnehmen. Im Mittelpunkt steht die Verteidigung der Suwalki-Lücke, der schmalen Landverbindung zwischen Polen und Litauen. (Handelsblatt, Bloomberg, T-Online, NZZ)
Meiringen: Das grösste Rüstungsgeschäft der Schweizer Geschichte. Die NZZ zeichnet am Montag den Konflikt um die geplante Erweiterung des Waffenplatzes Meiringen nach. Es geht um Investitionen von geschätzt mehreren hundert Millionen Franken und um die Stationierung von rund 60 zusätzlichen Fahrzeugen. Die Gemeinde, deren Wirtschaft bisher stark vom Tourismus um die Reichenbachfälle abhängt, hat eine Motion gegen den Ausbau eingereicht. Der Streit verbindet sich mit der laufenden Debatte um den F-35-Ausbau auf der Luftwaffenbasis Payerne und mit der Frage, wie viel Rüstungsinfrastruktur ein Tourismusort tragen kann. Die Abstimmung im Berner Kantonsparlament ist für September vorgesehen. (NZZ)
Bern will Drohnenbataillon bis 2028. Der Bundesrat hat am Freitag eine Vorlage verabschiedet, mit der die Schweizer Armee bis ins Jahr 2028 ein eigenes Drohnenbataillon aufstellt. Verteidigungsminister Martin Pfister begründet den Schritt mit der veränderten Bedrohungslage seit dem russischen Angriff auf die Ukraine. Vorgesehen sind Aufklärungs- und Kampfdrohnen im Wert von rund 1,5 Milliarden Franken sowie ein Ausbau der Cyberkapazitäten. Der Bundesrat rechnet mit einer Aufstockung der Truppenstärke um 1500 Angehörige der Armee und der Schaffung von 280 neuen zivilen Stellen bei der Beschaffungsbehörde armasuisse. Die bürgerlichen Fraktionen kündigten Zustimmung an, die SP kündigt Widerstand gegen die fehlende Parlamentskontrolle bei Beschaffungen an. Die Beschaffung soll in den nächsten vier Jahren über das ordentliche Armeebudget von jährlich 5,7 Milliarden Franken finanziert werden. (NZZ, blue News, St. Galler Tagblatt, SwissCybersecurity.net)
Olympia 2038: Bund will 200 Millionen Franken beisteuern. Der Bundesrat unterstützt die Schweizer Kandidatur für Olympische und Paralympische Winterspiele 2038 mit 200 Millionen Franken. Im Gegensatz zu früheren Anläufen wie Sion 2006 und Graubünden 2022 gibt es diesmal keine Defizitgarantie des Bundes. Der Kandidaturprozess wird vom Bundesamt für Sport BASPO koordiniert, das bis Ende Jahr ein Konzept vorlegen will. Vorgesehen sind Wettkämpfe in Graubünden, im Wallis und in der Waadt, darunter Skirennen in St. Moritz und Crans-Montana sowie Eishockey in Zürich und Bern. Die Gesamtkosten werden auf 4 bis 6 Milliarden Franken geschätzt, wovon 30 Prozent über Sponsoring und Ticketing gedeckt werden sollen. Die endgültige Entscheidung des IOC fällt frühestens im Jahr 2027. Eine Volksabstimmung ist nicht vorgesehen, was die SVP bereits kritisiert. (SRF, NZZ, Tages-Anzeiger)
KI-Studie: Fast jeder dritte Schweizer Job unter Druck. Eine neue Analyse des Beratungshauses KPMG beziffert den Anteil der Schweizer Arbeitsplätze, die mittelfristig durch Künstliche Intelligenz ersetzt oder stark verändert werden, auf 31 Prozent. Besonders betroffen sind Büroberufe, Teile der Finanzbranche und repetitive Tätigkeiten im Backoffice. Am stärksten gefährdet sehen die Studienautoren Berufe in der Sachbearbeitung, im Rechnungswesen und in der Kundenkommunikation. Der Schweizerische Bankpersonalverband fordert eine nationale Weiterbildungsoffensive und verweist auf das Beispiel der Deutschen Bundesbank, die im März ein entsprechendes Programm gestartet hat. Im Vergleich zur internationalen Studie von Goldman Sachs, die für 300 Millionen Vollzeitstellen weltweit ein hohes Substituierbarkeitspotenzial sieht, fällt die Schweizer Schätzung leicht überdurchschnittlich aus. (markt-kom.com, FAZ, tippinpoint)
EZB-Studie: KI-Effekt auf US-Arbeitsmarkt bisher klein. Eine am Montag veröffentlichte Untersuchung der Europäischen Zentralbank kommt zum Schluss, dass der KI-Boom in den USA bislang kaum messbare Auswirkungen auf Beschäftigung und Löhne hatte. Die Studienautoren werten dies als Hinweis, dass Produktivitätsgewinne bisher vor allem in wenigen Sektoren anfallen, insbesondere in der Software- und Cloud-Industrie. Für die EZB ist das relevant, weil sie KI als möglichen Treiber der langfristigen Inflation beobachtet. EZB-Chefvolkswirt Philip Lane hatte im Mai erklärt, KI könne die Preise «in beide Richtungen» beeinflussen: produktivitätssteigernd und damit disinflationär, gleichzeitig aber auch konsumsteigernd und damit preistreibend. (MarketScreener Schweiz)
Tech-Konzerne arbeiten an gemeinsamem KI-Agenten-Standard. Microsoft, OpenAI und Google haben sich nach eigenen Angaben auf einen offenen Standard für KI-Agenten verständigt. Ziel ist es, dass KI-Assistenten verschiedener Anbieter künftig Daten und Aktionen austauschen können, ohne dass Unternehmen für jeden Anwendungsfall separate Schnittstellen bauen müssen. Das Protokoll mit dem Arbeitstitel «Agent Connect» soll im dritten Quartal offengelegt werden und baut auf dem offenen JSON-RPC-Format auf. Branchenbeobachter sehen darin den Versuch, nach dem Vorbild von HTTP einen De-facto-Standard zu setzen, der kleinere Anbieter einbindet. Die Schweizer Software-Industrie, vertreten durch die Digitale Wirtschaft Schweiz, hat eine Beteiligung an der Standardisierung gefordert und verweist auf die starke Stellung der Schweiz bei Fintech- und Pharma-Software. Im Hintergrund steht die Sorge, dass ohne gemeinsamen Standard einzelne Anbieter ihre Marktposition zementieren könnten. (Netzwoche, AD HOC NEWS)
Halbleiter: SK Hynix überholt Samsung an der Börse. Der südkoreanische Speicherchip-Hersteller SK Hynix hat am Montag den Rivalen Samsung Electronics als wertvollsten Konzern des Landes abgelöst. Auslöser ist die starke Nachfrage nach HBM-Chips der dritten und vierten Generation für KI-Beschleuniger, die SK Hynix unter anderem an Nvidia und AMD liefert. Die Marktkapitalisierung von SK Hynix stieg nach Angaben der Korea Exchange auf den höchsten Stand seit der Firmengründung 1983, während Samsung rund 12 Prozent an Boden verlor. Samsung versucht mit einer Neuausrichtung des Foundry-Geschäfts unter dem neuen CEO zu reagieren und hat im ersten Quartal 2026 erstmals seit drei Jahren wieder schwarze Zahlen im Auftragsfertigungssegment geschrieben. Für die Schweiz ist die Verschiebung am asiatischen Halbleitermarkt relevant, weil die Lieferketten für die hiesige Uhrenindustrie, Medizintechnik und den Werkzeugmaschinenbau direkt davon abhängen. Die Schweizer Halbleiterzulieferer VAT, Comet und Inficon profitieren laut einer Studie von Kepler Cheuvreux nur am Rand von dieser Verschiebung, da sie vor allem im Spezialanlagenbau tätig sind. (Handelsblatt)
Kolumbien: De La Espriella wird neuer Präsident. Abelardo De La Espriella hat die Stichwahl in Kolumbien am Wochenende gewonnen und löst den linksgerichteten Gustavo Petro im Präsidentenpalast Casa de Nariño ab. Der 67-jährige Rechtspolitiker setzte sich mit einem harten Sicherheits- und Wirtschaftsprogramm durch, das auf die Bekämpfung der Drogenkartelle und die Senkung der Unternehmenssteuern von 35 auf 25 Prozent abzielt. Die Wahlbeteiligung lag bei 53 Prozent. Für die Schweiz ist das Resultat relevant, weil die kolumbianische Regierung nach der Wahl einen Neustart der Verhandlungen mit dem ELN angekündigt hat, an denen sich auch die Schweiz beteiligt. (Reuters)
Sicherheitsvorfall: Hacker mit handelsüblichen KI-Werkzeugen. Ein Sicherheitsforscher aus München hat nach eigenen Angaben mit öffentlich verfügbaren Funktionen der KI-Modelle Claude von Anthropic und Codex von OpenAI in 14 Unternehmen eingebrochen, darunter zwei Schweizer KMU aus dem Aargau und dem Thurgau. Der Bericht wurde am Montag vom Bundesamt für Cybersicherheit BACS und vom deutschen BSI bestätigt. Besonders betroffen war die Automobilzulieferindustrie, wo gezielt Phishing-Mails an Einkaufsabteilungen verschickt wurden. Laut BACS-Direktor Florian Schütz zeigt der Fall, dass klassische Mitarbeiterschulungen nicht mehr ausreichen. Der Vorfall verschärft die Debatte über die Aushebelung bestehender Schutzmassnahmen durch generative KI und dürfte Eingang finden in die laufenden Verhandlungen zur Umsetzung der EU-KI-Verordnung auf nationaler Ebene. (it-daily)
Sport: WM 2026 startet in die heisse Phase. Bei der Fussball-Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada stehen heute vier Vorrundenspiele auf dem Programm, darunter Argentinien gegen Österreich um 18 Uhr Schweizer Zeit in Miami. In der Nacht zum Montag setzten sich Argentinien mit 2:0 gegen Algerien, Brasilien mit 3:1 gegen Kroatien und Portugal mit 4:0 gegen Marokko durch. Lionel Messi erzielte im 1000. Pflichtspiel seiner Karriere seinen 850. Treffer. Insgesamt fielen in den ersten drei Spielen 14 Tore, was bereits jetzt über dem Durchschnitt der WM 2022 liegt. In der Schweizer Auswahl sorgen Gerüchte um einen möglichen Wechsel von Florian Wirtz für Aufsehen: Der deutsche Nationalspieler steht laut «Bild» vor einem Transfer zu Bayern München für eine Ablösesumme von 140 Millionen Euro, was einen neuen Bundesliga-Rekord bedeuten würde. Der Schweizer Nati-Coach Murat Yakin bestätigte unterdessen den Abschluss der WM-Vorbereitung mit einem Testspiel gegen Italien am Donnerstag in St. Gallen. (Augsburger Allgemeine, WEB.DE, Ntv, Blick)
Die Märkte heute. Der Euro notiert bei 0,9248 Franken, der US-Dollar bei 0,8065 Franken (EZB-Referenz vom 19. Juni). Damit bleibt der Franken gegenüber dem Euro weiterhin nahe seinem Mehrjahreshoch, was Schweizer Exporteuren zu schaffen macht. Bitcoin liegt bei 64'087 Dollar, ein Plus von 0,25 Prozent innert 24 Stunden (CoinGecko). Gold fällt auf 4'212,30 Dollar pro Unze, ein Minus von 2,74 Prozent; der Rücksetzer folgt auf den Höhenflug der Vorwoche, in der Gold zeitweise über 4'400 Dollar notiert hatte. Der MSCI World Index steht bei 4'827,49 Punkten und gibt 0,33 Prozent nach. Händler verweisen auf den starken Franken und auf Gewinnmitnahmen im Technologiesektor als Hauptgründe für das Minus.
Ausblick am Abend. Am Nachmittag werden in der Eurozone die endgültigen Inflationsdaten für Mai veröffentlicht; die erste Schätzung hatte 2,1 Prozent ergeben. In Washington beginnt die Anhörung von Fed-Chef Jerome Powell vor dem Kongress, am Abend Schweizer Zeit. In New York tagt der UN-Sicherheitsrat zu einer Sondersitzung zur humanitären Lage im Iran-Konflikt. In Meiringen findet am Abend eine Einwohnerversammlung zur geplanten Erweiterung des Waffenplatzes statt.