Vom Bürgenstock in den Krisenbogen
Iran-Abkommen unterzeichnet, grösster Drohnenangriff auf Moskau seit Kriegsbeginn, Schweizer WM-Galaabend und 40 Grad in Westeuropa.
Vom Bürgenstock in den Krisenbogen
Was die Nacht brachte: ein unterzeichnetes Iran-Abkommen, der grösste Drohnenangriff auf Moskau seit Kriegsbeginn, ein Schweizer WM-Galaabend und 40 Grad in Westeuropa.
USA und Iran unterzeichnen Abkommen, Gespräche ziehen sich auf den Bürgenstock
Die amerikanische und die iranische Regierung haben am späten Donnerstagabend ein Abkommen unterzeichnet, das den seit Februar 2026 laufenden Krieg formal beenden soll. Der Bürgenstock im Kanton Nidwalden ist am Freitag Schauplatz weiterer Gespräche unter Vermittlung der Schweiz. Vizepräsident J. D. Vance, der die Reise ursprünglich am Donnerstag hatte antreten wollen, verschob den Flug um Stunden. Die Verhandlungen drehen sich um zwei heikle Punkte: die Zukunft des iranischen Nuklearprogramms und die Wiederöffnung der Strasse von Hormuz für den internationalen Schiffsverkehr. Die EU hat unterdessen klargestellt, dass sie zentrale Sanktionen gegen Teheran erst nach einem formellen Nukleardeal aufheben wird. Für die Schweiz markiert das Treffen eine diplomatische Profilierung, die über die Rolle als Gastgeberin hinausgeht. In Washington kritisiert ein Teil der republikanischen Fraktion den in der Diskussion stehenden 300-Milliarden-Dollar-Fonds für Iran als zu weitreichend. (NZZ, Al Jazeera, NYT, CNBC)
Ukraine fliegt den grössten Drohnenangriff seit Kriegsbeginn auf Moskau
In der Nacht auf Freitag hat die Ukraine nach Angaben russischer Behörden den bislang schwersten Luftangriff auf die russische Hauptstadt gestartet. Mehr als 200 Drohnen trafen eine Raffinerie im Grossraum Moskau und setzten sie in Brand. Die beiden Hauptstadtflughäfen Sheremetyevo und Wnukowo stellten den Betrieb für mehrere Stunden ein. Die Benzinversorgung wird in weiten Teilen Russlands knapp, da die Raffinerie zu den grossen Versorgern des Binnenmarktes gehört. Präsident Wolodymyr Selenski verfolgt damit eine Strategie, den Krieg mit Mitteln der Reichweitenerosion in das russische Hinterland zu tragen. Der ukrainische Generalstab sprach von einem koordinierten Angriff auf Energie- und Logistikinfrastruktur. Auf diplomatischer Ebene halten sich die Erfolgsaussichten eines baldigen Friedens in engen Grenzen: Beim EU-Gipfel in Brüssel stiess die Sanktionsverlängerung gegen Moskau auf Kritik, wurde am Ende aber um zwölf statt der üblichen sechs Monate verlängert. (NZZ, NYT, BBC)
Hegseth wirft Europa Trittbrettfahren vor und kündigt Überprüfung der US-Truppenpräsenz an
US-Verteidigungsminister Pete Hegseth hat beim Nato-Treffen in Brüssel eine ungewöhnlich scharfe Rede gehalten. Er warf mehreren europäischen Alliierten vor, die Verteidigungslast ungleich zu verteilen, und kündigte eine systematische Überprüfung der amerikanischen Truppenpräsenz in Europa an. Hegseth bestand darauf, dass die Kameras während seiner Ausführungen eingeschaltet blieben. Die Rede reiht sich in eine Serie amerikanischer Signale ein, die europäische Regierungen zwingen, ihre Verteidigungsbudgets rascher zu erhöhen. Aus Schweizer Sicht ist die Ansage indirekt relevant: Die Versorgung mit amerikanischem Rüstungsmaterial hängt an den gleichen Lieferketten, die nun neu bewertet werden. Gleichzeitig wächst in Bern der Druck, das seit 2018 bestehende faktische Verbot neuer Atomkraftwerke zu lockern. Der Nationalrat hat am Donnerstag den Kurswechsel mitgetragen, der Bundesrat unter Albert Rösti erhält damit parlamentarischen Rückenwind für eine neue AKW-Generation. (NZZ, Handelsblatt, BBC)
Manzambi erlöst die Schweiz beim 4:1 gegen Bosnien, Gruppensieg perfekt
Die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft hat am Donnerstagabend ihr zweites Gruppenspiel an der WM 2026 in den USA deutlich gewonnen. Gegen Bosnien-Herzegowina siegte das Team von Trainer Murat Yakin mit 4:1. Der entscheidende Akteur war der 20-jährige Johan Manzambi, der mit einer Doppel-Torbeteiligung die Schweizer Offensive aus einer zähen ersten Halbzeit riss. Bosnien musste die Partie nach einer Roten Karte ab der 36. Minute in Unterzahl bestreiten. Mit dem zweiten Sieg sichert sich die Schweiz den ersten Platz in der Gruppe B und trifft im Achtelfinal auf einen Gruppenzweiten. Parallel gewann Kanada das erste WM-Spiel seiner Geschichte gegen Katar mit 6:0, obwohl der Schock einer schweren Verletzung von Mittelfeldspieler Ismaël Koné die Partie kurzzeitig überschattete. Im dritten Spiel des Abends setzte sich England mit deutlich verbessertem Offensivfuss gegen einen osteuropäischen Gegner durch. (NZZ, Guardian, SRF)
Hitze in Westeuropa: 40 Grad, Zugausfälle und abgesagte Freiluftpartys
Frankreich, Belgien und die Niederlande erleben eine der intensivsten Hitzewellen des Sommers 2026. In Paris kletterten die Temperaturen am Donnerstag auf 40 Grad, mehrere TGV-Strecken wurden wegen hitzebedingter Schienenschäden gesperrt. Kommunen sagten Freiluftkonzerte und Schulfeste ab, Energieversorger meldeten Rekordlast im Stromnetz. In Spanien und Portugal kämpfen Feuerwehren seit Tagen gegen Waldbrände an der Mittelmeerküste. Auch die Schweiz liegt am Rand des Hochdruckgebiets, mit Höchstwerten von 34 Grad in Zürich, 34 Grad in Basel und 34 Grad in Genf. Meteorologen rechnen mit einer Fortdauer der Hitze bis mindestens Mitte nächster Woche, ehe eine Gewitterfront aus Westen für Abkühlung sorgen könnte. (NZZ, MeteoSchweiz via Open-Meteo)
Kuba legt einen 176-Punkte-Plan zur Wirtschaftsöffnung vor
Die kubanische Regierung unter Präsident Migül Díaz-Canel hat am Donnerstag einen 176-Punkte-Plan zur schrittweisen Öffnung der Wirtschaft präsentiert. Ausländischen Investoren soll es künftig erlaubt sein, in Immobilien, Tankstellen, Banken und Teile des Einzelhandels zu investieren, auch Fast-Food-Ketten sind explizit willkommen. Die Regierung begründet den Schritt mit dem «Erhalt des Sozialismus» durch wirtschaftliche Belebung. Der Plan kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die kubanische Wirtschaft unter einer schweren Devisenknappheit, einer Hyperinflation und einer massiven Abwanderung leidet. Für europäische und insbesondere spanische Konzerne eröffnet der Plan neue Marktchancen, allerdings bleibt das politische und rechtliche Risiko hoch. (NZZ)
EU verlängert Russland-Sanktionen um zwölf Monate und vertieft Rüstungsprojekte mit Kiew
Die EU-Staats- und Regierungschefs haben sich beim Gipfel in Brüssel auf eine Verlängerung der Sanktionen gegen Russland um zwölf Monate geeinigt. Damit weicht die EU erstmals vom bisherigen Rhythmus halbjährlicher Verlängerungen ab, ein Signal an Moskau, das die Geschlossenheit des Blocks unterstreicht. Gleichzeitig beschloss die deutsche Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz den Ausbau gemeinsamer Rüstungsprojekte mit der Ukraine. Aussenminister Johann Wadephul kündigte zudem Initiativen zur finanziellen Entschädigung polnischer Opfer des Nationalsozialismus an. Die Schweiz beobachtet die Entwicklung genau, da Sanktionsumsetzung und Rüstungsexporte über die Eidgenössische Zollverwaltung eng mit EU-Regelwerken verzahnt sind. (NZZ, Handelsblatt)
Andy Burnham gewinnt Makerfield-Nachwahl und stellt Labour vor Personalfragen
Der Bürgermeister von Manchester, Andy Burnham, hat am Donnerstagabend die Nachwahl im britischen Wahlkreis Makerfield mit grossem Vorsprung gewonnen. Nach vorläufigem Auszählungsstand entfielen auf Burnham rund 9.231 Stimmen, die rechtspopulistische Reform UK von Nigel Farage kam auf Platz zwei, die regierende Labour-Partei von Premierminister Keir Starmer nur auf Rang drei. Burnham, der als aussichtsreicher Anwärter auf eine mögliche Nachfolge Starmers gilt, nutzte die Nachwahl als Bühne für eine programmatische Rede zur Erneuerung der Labour-Partei. Politische Beobachter werten das Ergebnis als deutliches Warnsignal für die Regierung in London, deren Umfragewerte seit Monaten sinken. (Guardian, Al Jazeera)
Schweizer Wirtschaft: Ständerat verbietet goldene Fallschirme in der Bundesverwaltung
Die kleine Kammer des Schweizer Parlaments hat am Donnerstag die sogenannte Lex della Valli angenommen. Künftig sind Abgangsentschädigungen und hohe Boni an austretende Topkader der Bundesverwaltung nur noch in sehr engen Grenzen möglich. Der Bundesrat hat angekündigt, die Regelung prüfen und gegebenenfalls Schlupflöcher schliessen zu wollen. Mit der Lex della Valli reagiert das Parlament auf den Fall des ehemaligen SBB-Chefs Vincent Ducrot, dessen Abgangsregelung politisch hohe Wellen geschlagen hatte. Die Vorlage geht nun in die Differenzbereinigung mit dem Nationalrat. Wirtschaftsverbände haben sich bisher zurückhaltend geäussert, signalisieren aber Widerstand gegen eine analoge Ausweitung auf bundesnahe Betriebe wie Post und SBB. (NZZ)
Märkte rechnen mit strafferer Geldpolitik unter Fed-Chef Warsh
Die Zinsmärkte preisen nach Aussagen von Händlern und Hedgefonds-Managern eine spürbar straffere Geldpolitik der US-Notenbank unter ihrem designierten Chef Kevin Warsh ein. Auf der Prognose-Plattform Kalshi taxieren Händler die Wahrscheinlichkeit einer Leitzinserhöhung in diesem Jahr auf über 50 Prozent. Jeffrey Gundlach, bekannt als Bond-König, sagte in einem CNBC-Interview, Warsh werde nicht der «Easy Money»-Vorsitzende sein, den sich viele erhofft hätten. Die Aussagen verstärken den Druck auf Technologieaktien und den Krypto-Markt, die beide auf sinkende Realzinsen angewiesen sind. In Asien legten die Börsen am Morgen trotzdem leicht zu, der japanische Yen bleibt nach der jüngsten Devisenmarktintervention der Bank of Japan von über 70 Milliarden Dollar unter Druck. (CNBC)
SpaceX rutscht unter die Amazon-Marketcap, Anleger ziehen Bilanz
Die Aktie des privaten Raketen- und Satellitenbetreibers SpaceX hat am Donnerstag den zweiten Verlusttag in Folge verbucht. Damit fällt die Marktkapitalisierung des jüngst an die Börse gebrachten Unternehmens unter jene von Amazon. Passive Investoren, die SpaceX-Engagements nicht ausweichen konnten, leiden besonders unter der Volatilität des Papiers, das laut CNBC rund dreimal so stark schwankt wie Bitcoin. Der Kurseinbruch wirft Fragen nach dem nachhaltigen Bewertungsniveau grosser Raumfahrt- und KI-Privatwerte auf. Branchenkenner sehen darin weniger ein SpaceX-spezifisches Problem als ein Indiz für eine breitere Korrektur an der Schnittstelle zwischen Raumfahrt, Künstlicher Intelligenz und Krypto-Werten. (CNBC)
Die Märkte heute
Am Schweizer Devisenmarkt notiert der Euro bei 0,9218 Franken, der US-Dollar bei 0,8043 Franken (Frankfurter/EZB-Referenz vom 18. Juni). Gold verbilligt sich auf 4'193,70 Dollar die Unze, ein Minus von 3,1 Prozent seit dem Vortag, was rund 3'375 Franken pro Unze entspricht. Bitcoin wechselt bei 62'937 Dollar den Besitzer, ein Tagesverlust von 2,65 Prozent, umgerechnet rund 50'619 Franken. Der MSCI World steht bei 4'828,76 Punkten mit einem Minus von 0,7 Prozent auf Tagessicht, das entspricht rund 3'884 Franken je Anteil. Die genannten Werte stammen aus den abendlichen Indikationen vom Donnerstag und bilden die Grundlage für den europäischen Handel am Morgen.
Ausblick auf den Tag
Im Fokus steht am Freitag der Bürgenstock, wo das Treffen zwischen der US- und der iranischen Delegation unter Schweizer Vermittlung in die entscheidende Phase geht. In Bern beginnt die Sommersession des Parlaments mit der Differenzbereinigung beim AKW-Gesetz und bei der Lex della Valli. Aus den USA werden die vorläufigen Einkaufsmanagerindizes für Juni erwartet, die Aufschluss über die Konjunkturlage nach der Iran-Krise geben. In Kanada trifft die Schweizer Mannschaft in der dritten WM-Gruppenpartie auf Kroatien, Anpfiff ist um 20 Uhr Ortszeit.