Wenn das Volk immer recht hat, warum braucht es dann Anwälte, Richter und unabhängige Medien? Eine Anatomie einer politischen Form, die in fast jeder Demokratie auftaucht, fast überall die gleiche Mechanik benutzt und am Ende doch sehr unterschiedliche Ergebnisse produziert.
Die Freiheitliche Partei Österreichs gewann am 29. September 2024 mit 28,8 Prozent der Stimmen eine Nationalratswahl. Es war das erste Mal in der Geschichte der Zweiten Republik, dass eine rechtspopulistische Partei stärkste Kraft wurde. In Deutschland verdoppelte die Alternative für Deutschland am 23. Februar 2025 ihren Anteil auf 20,8 Prozent und wurde zweitstärkste Fraktion im Bundestag. In den USA entschied Donald Trump am 5. November 2024 die Präsidentschaftswahl mit 312 Wahlleuten und 49,8 Prozent der Popular Vote für sich, der erste republikanische Kandidat seit George W. Bush im Jahr 2004, der die Volksabstimmung gewann. In Italien verlor die Fünf-Sterne-Bewegung zwischen 2018 und 2022 rund 17,3 Prozentpunkte und stürzte von 32,7 auf 15,4 Prozent. In Frankreich schickte Präsident Macron die Nationalversammlung in eine Neuwahl, aus der der Rassemblement National mit 33,2 Prozent im ersten Wahlgang als stärkste Kraft hervorging. Fünf Länder, ein gemeinsames Vokabular, ein gemeinsamer Feind, eine ganz eigene Mechanik.