Die SNB hat aufgehört, ihre Bilanz zu erklären — und niemand fragt nach.
Seit drei Quartalen veröffentlicht die Notenbank keine Erläuterung zu ihren Devisenpositionen mehr. Das ist keine Effizienz, sondern eine politische Entscheidung. Wer profitiert davon, dass das Parlament nichts mehr versteht?
Bis Ende 2024 lieferte das Direktorium der Schweizerischen Nationalbank zu jedem Geschäftsbericht eine zwölfseitige Erläuterung mit. Sie hiess «Erläuterungen zur Bilanz und Erfolgsrechnung», sie war öffentlich, sie wurde von den parlamentarischen Kommissionen zitiert. Heute sind aus zwölf Seiten zwei Absätze geworden. Der neue Präsident, Martin Schlegel, nennt das «Konzentration auf das Wesentliche».
In der Praxis bedeutet es: Die Bundesversammlung hat keine Grundlage mehr, um den geldpolitischen Kurs zu beurteilen. Und sie merkt es nicht.
Eine Recherche in 14 Sitzungsprotokollen der WAK-N — der Kommission für Wirtschaft und Abgaben des Nationalrats — zeigt: Zwischen Januar 2025 und März 2026 wurde in keiner einzigen Sitzung nach der fehlenden Erläuterung gefragt. Nicht von der SVP, nicht von der SP, nicht von der Mitte. Das Schweigen ist die eigentliche Geschichte.
Was die Erläuterung früher leistete
Die alten Erläuterungen hatten drei Funktionen. Erstens dokumentierten sie die Zusammensetzung der Devisenreserven nach Währung und Anlagekategorie. Zweitens begründeten sie wesentliche Bewertungsänderungen — etwa die Anpassung der Bewertungsreserve nach Wechselkursschwankungen. Drittens und am wichtigsten: Sie machten die Beziehung zwischen geldpolitischem Mandat und Bilanzführung lesbar.
Ohne diese Dokumentation lassen sich Ausschüttungen an Bund und Kantone nicht plausibilisieren. Ohne Plausibilisierung wird die jährliche Diskussion über die Gewinnverteilung zur reinen Symbolpolitik. Und genau dort sind wir heute.
«Wir haben nicht aufgehört zu erklären. Wir haben aufgehört, das Gleiche zweimal zu sagen.» — Martin Schlegel, SNB-Präsident, im Gespräch mit MacherPost
Das Schweigen der Aufsicht
Wir haben in den Protokollen der drei zuständigen Kommissionen — WAK-N, WAK-S und der Finanzkommission — nach allen Erwähnungen der Worte «Erläuterung», «Devisenreserven», «Bewertungsreserve» und «Bilanzerläuterung» gesucht. Das Ergebnis ist ernüchternd.
In 28 Sitzungen seit Q1 2025 tauchen diese Begriffe insgesamt sieben Mal auf — alle in Routineberichten, keiner in einer kritischen Nachfrage. Zum Vergleich: In den 28 Sitzungen davor (Q1 2023 bis Q4 2024) waren es 41 Mal, davon 14 mit Bezug auf konkrete Bewertungsfragen.
Nachfragen in WAK-N, WAK-S, FK-N zu SNB-Bilanzerläuterung
| Zeitraum | Sitzungen | Erwähnungen | Kritische Nachfragen |
|---|---|---|---|
| Q1 2023 – Q4 2024 | 28 | 41 | 14 |
| Q1 2025 – Q1 2026 | 28 | 7 | 0 |
Wer mit Mitgliedern der Kommissionen spricht, hört oft die gleiche Antwort: Die alten Erläuterungen seien «schwer zu lesen» gewesen. Das stimmt. Sie waren technisch, voller Verweise auf Buchungsregeln und Bewertungsmethoden. Sie waren aber auch das einzige Dokument, das die Bilanz der grössten Finanzinstitution des Landes erklärbar machte.