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Leitartikel Geldpolitik Recherche

Die SNB hat aufgehört, ihre Bilanz zu erklären — und niemand fragt nach.

Seit drei Quartalen veröffentlicht die Notenbank keine Erläuterung zu ihren Devisen­positionen mehr. Das ist keine Effizienz, sondern eine politische Entscheidung. Wer profitiert davon, dass das Parlament nichts mehr versteht?

Von der MacherPost-Redaktion 15.05.2026, 05:30 14 Min Lesezeit · 2 814 Wörter

Bis Ende 2024 lieferte das Direktorium der Schweizerischen Nationalbank zu jedem Geschäftsbericht eine zwölfseitige Erläuterung mit. Sie hiess «Erläuterungen zur Bilanz und Erfolgs­rechnung», sie war öffentlich, sie wurde von den parlamentarischen Kommissionen zitiert. Heute sind aus zwölf Seiten zwei Absätze geworden. Der neue Präsident, Martin Schlegel, nennt das «Konzentration auf das Wesentliche».

In der Praxis bedeutet es: Die Bundes­versammlung hat keine Grundlage mehr, um den geld­politischen Kurs zu beurteilen. Und sie merkt es nicht.

Eine Recherche in 14 Sitzungs­protokollen der WAK-N — der Kommission für Wirtschaft und Abgaben des Nationalrats — zeigt: Zwischen Januar 2025 und März 2026 wurde in keiner einzigen Sitzung nach der fehlenden Erläuterung gefragt. Nicht von der SVP, nicht von der SP, nicht von der Mitte. Das Schweigen ist die eigentliche Geschichte.

Was die Erläuterung früher leistete

Die alten Erläuterungen hatten drei Funktionen. Erstens dokumentierten sie die Zusammen­setzung der Devisen­reserven nach Währung und Anlagekategorie. Zweitens begründeten sie wesentliche Bewertungs­änderungen — etwa die Anpassung der Bewertungs­reserve nach Wechselkurs­schwankungen. Drittens und am wichtigsten: Sie machten die Beziehung zwischen geld­politischem Mandat und Bilanz­führung lesbar.

Ohne diese Dokumentation lassen sich Ausschüttungen an Bund und Kantone nicht plausibilisieren. Ohne Plausibilisierung wird die jährliche Diskussion über die Gewinn­verteilung zur reinen Symbol­politik. Und genau dort sind wir heute.

CHART · BILANZ­SUMME SNB 2015–2026
Bilanzsumme der SNB in Milliarden CHF, Quartals­werte 2015–2026. Quelle: SNB-Quartalsdaten, eigene Berechnung. Grafik: MacherPost.
«Wir haben nicht aufgehört zu erklären. Wir haben aufgehört, das Gleiche zweimal zu sagen.» — Martin Schlegel, SNB-Präsident, im Gespräch mit MacherPost

Das Schweigen der Aufsicht

Wir haben in den Protokollen der drei zuständigen Kommissionen — WAK-N, WAK-S und der Finanz­kommission — nach allen Erwähnungen der Worte «Erläuterung», «Devisen­reserven», «Bewertungs­reserve» und «Bilanz­erläuterung» gesucht. Das Ergebnis ist ernüchternd.

In 28 Sitzungen seit Q1 2025 tauchen diese Begriffe insgesamt sieben Mal auf — alle in Routine­berichten, keiner in einer kritischen Nachfrage. Zum Vergleich: In den 28 Sitzungen davor (Q1 2023 bis Q4 2024) waren es 41 Mal, davon 14 mit Bezug auf konkrete Bewertungs­fragen.

Nachfragen in WAK-N, WAK-S, FK-N zu SNB-Bilanz­erläuterung

ZeitraumSitzungenErwähnungenKritische Nachfragen
Q1 2023 – Q4 2024284114
Q1 2025 – Q1 20262870

Wer mit Mitgliedern der Kommissionen spricht, hört oft die gleiche Antwort: Die alten Erläuterungen seien «schwer zu lesen» gewesen. Das stimmt. Sie waren technisch, voller Verweise auf Buchungs­regeln und Bewertungs­methoden. Sie waren aber auch das einzige Dokument, das die Bilanz der grössten Finanz­institution des Landes erklärbar machte.

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