US-Zinsstasis und Inflationsdruck

Die Erwartungshaltung der Märkte auf eine baldige Normalisierung der Geldpolitik ist seit Monaten mit einer gewissen Naivität verbunden. Manches scheint zu einfach zu sein. Die Federal Reserve hat in ihrer jüngsten Sitzung den Leitzins unverändert im Bereich von 3,5 bis 3,75 Prozent belassen. Dies geschah für die zweite Sitzung in Folge, was nicht nur eine technische Bestätigung, sondern ein klares Signal der Zurückhaltung darstellt. Die Politik der Zinswarte ist keine Pause. Sie ist eine aktive Entscheidung, die fundamentale Unsicherheiten widerspiegelt.

Die Begründung liegt nicht in einer schwachen Wirtschaft. Ganz im Gegenteil. Die ökonomische Aktivität expandiert weiterhin mit einem soliden Tempo. Die Arbeitsmarktdaten zeigen zwar, dass die Jobzuwächse auf einem niedrigeren Niveau verharren, doch die Stabilität des Gesamtsystems bleibt bemerkenswert. Es ist diese Diskrepanz zwischen robustem Wachstum und persistenter Inflation, die die Fed in die Zange nimmt. Ein zu früher Zinsabbau könnte die erreichten Fortschritte bei der Preiskontrolle zunichtemachen. Und das wollen die Verantwortlichen in Washington vermeiden, auch wenn der politische Druck von außen steigt.

Präsident Trump hat Powell wiederholt öffentlich kritisiert. Seine Argumentation ist simpel und politisch kalkuliert. Ein zu hoher Leitzins erschwere es Unternehmen und Verbrauchern, Kredit aufzunehmen. Das würde die US-Wirtschaft schwächen und den Vereinigten Staaten im globalen Wettbewerb schaden. Solche Äußerungen sind keine Seltenheit. Doch sie ignorieren die komplexe Natur der aktuellen Inflationsdynamik. Es geht hier nicht nur um den Preis von Milch oder Benzin. Es geht um strukturelle Kosten, die durch geopolitische Konflikte getrieben werden.

Die Verschiebung von Zinssenkungen ins späte 2026 ist keine willkürliche Entscheidung. Sie resultiert aus einer realistischen Einschätzung der Risikolage. Laut einer Umfrage von Reuters wird die Fed mindestens sechs Monate warten, bevor sie die Hände wieder bewegt. Dieser Horizont ist lang. In der Welt der schnellen Nachrichtenzyklen ist er fast unerträglich. Doch er ist notwendig. Die Kriegskosten im Nahen Osten und in...